Solidarität und Widerstand
Am 28. November 1969 gab der 35-jährige Gunnar Hering, damals wissenschaftlicher Assistent am Institut für Osteuropäische Geschichte an der Freiburger Universität, mit einer an die deutschen Massenmedien gerichteten öffentlichen Erklärung bekannt, in den Hungerstreik zu treten. Ziel seines Streiks war, Druck auf die Bundesregierung auszuüben, für den Ausschluss der griechischen Junta aus dem Europarat zu stimmen und damit die Folterung von Häftlingen und die offenkundige Missachtung von Menschen- und persönlichen Freiheitsrechten anzuprangern. Der Hungerstreik von Hering, der Griechenland bereits als Vertreter von Amnesty International besucht hatte, löste eine gewaltige Unterstützungswelle aus. Griechische und deutsche Bürger, Studentenorganisationen, griechische Auswandererorganisationen, Arbeiterkörperschaften und politische Parteien wie die SPD brachten ihre Unterstützung zum Ausdruck. Nach zehn Tagen wurde der Streik schließlich abgebrochen, als die deutsche Regierung entschied, für den Ausschluss zu stimmen (Drossopoulos, 1995).
Die Erinnerung an diese Geschichte zielt nicht nur darauf ab, die innere Kraft des hervorragenden Lehrers vieler griechischer Historiker herauszustellen, sondern auch die Bedeutung all dieser ‚kleinen‘ und unbekannten Geschichten für das Verständnis der Solidarität zu unterstreichen, die die Deutschen für das griechische Volk entwickelten. Eine Solidarität, die sich auf vielen verschiedenen Gebieten entfaltete: von der sozialdemokratischen Bundesregierung bis zu einer ganzen Reihe von Gewerkschaften, Studentenvereinigungen, religiösen Organisationen, Lokalinitiativen samt Tausenden von Bürgern, die mit vielerlei Beistand und häufig auch Zufluchtsmöglichkeiten für die griechischen Systemgegner zur Stelle waren. Auf jeden Fall war die Bundesrepublik Deutschland das europäische Land, in dem sich die bedeutendste Bewegung gegen die Obristendiktatur entwickelte und wo die meisten und mitgliederstärksten für das gesamte politische Spektrum Griechenlands stehenden Organisationen mit einer Fülle an Aktionen tätig wurden, die für breiten und nachhaltigen Widerhall in der deutschen und internationalen Öffentlichkeit sorgten.1Der folgende Text bietet eine erweiterte und vertiefte Ausarbeitung meines Artikels im Sammelband der Griechischen Parlamentsstiftung für Demokratie und Parlamentarismus (Karamanolakis, 2016).
Die Faktoren, die dazu beitrugen, waren zahlreich: die besonders hohe Anzahl griechischer Wirtschaftsmigranten im Land (über 350.000), die tatkräftige Anwesenheit einer kleinen, aber hochaktiven Zahl an Studentinnen und Studenten und dazu einer Gruppe griechischer Wissenschaftler mit wichtigen Verbindungen in die deutsche Gesellschaft hinein. Diese Griechen und Griechinnen kämpften gegen die Junta von einem Land aus, das, eingebunden in die Rahmenbedingungen des Kalten Kriegs, der NATO und der gemeinsamen Position zweier gegen das kommunistische Lager Verbündeter niemals die Beziehung zu ihrer Heimat hatte abreißen lassen. Andererseits fiel die Errichtung der Diktatur in Griechenland zeitlich mit den zunehmenden Wahlerfolgen der SPD und der Übernahme der Kanzlerschaft durch Willy Brandt im Oktober 1969 zusammen, welche die zwanzigjährige Regierungszeit der konservativen CDU, in deren Verlauf viele Wunden aus der damals noch frischen, mit dem Zweiten Weltkrieg und Hitlers Herrschaft verbundenen traumatischen Vergangenheit offenbar einigermaßen vernarbt waren, zu einem zumindest vorläufigen Abschluss brachte. Das deutsche Wirtschaftswunder hatte allenthalben entsprechende Zeichen gesetzt, dem Land eine wichtige Rolle innerhalb des europäischen Geschehens zugespielt und ihm erlaubt, sich auf die Suche nach Formen einer endgültigen Koexistenz mit der DDR zu machen. Gleichzeitig begann die junge Generation, ihre Eltern und Großeltern in Frage zu stellen und bezichtigte sie ihrer ‚schuldigen“ Vergangenheit und der mangelhaften Entnazifizierung des öffentlichen Lebens.
Griechische Wirtschaftsmigranten im Lande Kaspar Hausers2Bezugnahme auf das Kapitel „Kaspar Hauser im wüsten Land“ aus Dimitris Chatzis’ Roman Das doppelte Buch (Erstausgabe 1976 [Übersetzung der Titel nach der 1983 bei Romiosini erschienenen Übertragung von Luise Steller]).
Der Aufstieg der SPD an die Macht signalisierte eine Politik der Toleranz und weitreichenden Unterstützung gegenüber der griechischen Antidiktatur-Bewegung, die in Westdeutschland entstanden war. Als förderlich erwies sich in dieser Hinsicht die Präsenz Hunderttausender griechischer Wirtschaftsmigrant:innen, die eine bessere Zukunft für sich in einem Land anstrebten, das auf der Suche nach Arbeitskräften war, mit denen es seinen Produktions-, insbesondere seinen Industriesektor stärken konnte. In den 1950er und 1960er Jahren hatte die Bundesrepublik Staatsverträge mit Ländern wie Italien, der Türkei, Portugal und Jugoslawien abgeschlossen, um den Zuzug arbeitskräftiger Bevölkerung zu ermöglichen (Kalafatis/Papagalani, 2003, 330 bzw. diesen Beitrag generell). In besagtem Rahmen wurde am 30. März 1960 auch eine deutsch-griechische Vereinbarung unterzeichnet. Sie war der Auftakt für den Zuzug Hunderttausender Griechen und Griechinnen. Genauer gesagt zogen zwischen 1960 und 1976, dem Zeitpunkt der Auflösung der deutschen Kommission für die Emigration aus Griechenland, insgesamt 623.320 „Gastarbeiter“ (so die euphemistische Bezeichnung für die Wirtschaftsmigranten) aus ihrer Heimat fort, wobei Westdeutschland darauf bedacht war, den vorläufigen Charakter dieses Zuzugs aufrechtzuerhalten und damit die Rechte der einheimischen Arbeitskräfte zu schützen (Chassiotis, 1993, 135). Laut deutschen Statistiken waren aus den anfänglich 40.768 Arbeitskräften, die – Familienangehörige unberücksichtigt – 1960 nach Deutschland gezogen waren, 1972 nun 268.635 geworden (Matzouranis, 1974, 50). Trotz ihrer auf Kurzfristigkeit ausgelegten Arbeitsverträge blieben die meisten über Jahre hin im Land. Die ersten männlichen Migranten ließen ihre Familien schrittweise nachkommen, dann begannen auch Frauen, sich auf den Weg zu machen, sei es, um ihre Ehemänner wiederzusehen, sei es, um für sich selbst Arbeit zu suchen. 1972 hatten 85% der griechischen Migrantinnen eine Arbeit, 84% der männlichen Migranten hatten Familie, und nur 16% waren ohne Angehörige fortgezogen (Vendoura, 2006, 135-146). Seit 1973 hörte die Auswanderung aus Griechenland auch der Ölkrise wegen praktisch auf.
Die Migranten wurden deutscherseits erst ausgewählt, wenn sie eine Reihe bürokratischer Kontrollverfahren durchlaufen und sich auch einer ärztlichen Untersuchung unterzogen hatten (Matzouranis/Karamanolakis, 2021, 9). Die meisten waren junge Leute mit niedrigem Bildungsniveau und stammten aus ländlichen Gebieten Nordgriechenlands bzw. kamen aus dem Arbeitermilieu. Die Verhältnisse, die sie bei ihrer Ankunft in Deutschland antrafen, waren für sie eine völlig neue, von allem zuvor Gekannten abweichende Erfahrung. Produktionssektoren wie Metallbearbeitung, Auto- und Elektroindustrie, in denen die männlichen Wirtschaftsmigranten Aufnahme fanden, waren für sie eine ganz und gar unbekannte Welt. Ebenso erging es den Frauen. Die meisten von ihnen arbeiteten in der Chemie-, Elektro- und Textilindustrie oder in Privatunternehmen (Kalafatis/Papagalani, 2003, 332). Die eingeschränkten Möglichkeiten, sich innerhalb des Landes zu bewegen und das Fehlen jeglicher politischer und sozialer Rechte führten zur Entstehung einer Bevölkerungsgruppe zweiter Klasse.
Andererseits kamen die griechischen Migranten in Kontakt mit einem Staatswesen, in dem es ein durchorganisiertes Fürsorge- und Gesundheitssystem, einen höheren Lebensstandard als in Griechenland und eine Gewerkschaftsbewegung gab, welche sie von Anfang integrierte und unterstützte. Es war ein schwieriger Umstellungsprozess, in dessen Verlauf sehr bald zutage trat, dass Selbstorganisation und Solidarität mehr als notwendig waren. Die Unkenntnis der deutschen Sprache, die Kommunikationsschwierigkeiten mit den Mechanismen deutscher Bürokratie und die tagtägliche Alltagsbewältigung wurden zum fortwährenden Albtraum. Seine Bewältigung wurde vor allem durch die Schaffung einer Reihe griechischer Gemeinschaften möglich, die als Orte der Begegnung, der gegenseitigen Hilfe, des Beistands und der Freizeitgestaltung fungierten. Mit dem Anspruch, als kollektive, einheitliche Vertretung zu agieren, schritten 1966 fünfzig Einzelgemeinschaften zur Etablierung eines übergeordneten Organs, nämlich des Verbands griechischer Gemeinden in der Bundesrepublik und West-Berlin, die mindestens 20.000 männliche und weibliche Wirtschaftsmigranten vertrat. Parallel dazu kam es zur Schaffung verschiedener Vereine u.a. im Dienste lokaler Interessen, der Bildung, der Kultur und Freizeitgestaltung, die den Zusammenhalt unter den heimatlos Gewordenen stützen sollten. Die Gemeinschaften waren bemüht, durch Kontaktaufnahme und Dialog mit den örtlichen Behörden, vor allem aber mit dem griechischen Staat, den sie drängten, im Rahmen des deutsch-griechischen Vertrags in Verhandlungen mit seinem deutschen Partner aufzunehmen, etwas zur Lösung von Migrationsproblemen beizutragen, deren Behandlung sie für dringend erforderlich hielten.
Ein besonders wichtiger Schritt im Zusammenhang ihrer Integration war für die Migranten, Gewerkschaftsmitglieder werden zu können. Bestrebt, die Macht der organisierten Arbeiterschaft zu unterstützen, schloss sich allen bestehenden Hindernissen zum Trotz vor allem in bestimmten Bereichen der Industrie ein beträchtlicher Teil von ihnen den Gewerkschaften an. Ilias Chatziandreou, Führungsmitglied der Industriegewerkschaft Metall, in deren Zuständigkeitsbereich die griechischen Auswanderer in erster Linie tätig waren, schätzt, dass etwa 90.000 seiner Landsleute eingeschriebene Mitglieder der IGM waren (Katsoulis, 2010, 297).
Um aus Griechenland ausreisen zu können, das noch durch die traumatische Bürde des Bürgerkriegs (1946-1949) belastet wurde und in dem die Kommunistische Partei illegal war, mussten griechische Wirtschaftsmigranten über ein polizeilich beglaubigtes Zeugnis verfügen, das ihre Loyalität gegenüber dem Nachkriegsregime bestätigte. Die Verbindungen zur politischen Szene in Griechenland brachen sie in der neuen Heimat nicht ab, zumal die griechischen Parteien sie dort als zukünftige potentielle Wähler im Auge behielten. In Westdeutschland selbst waren Aktivitäten ausländischer Parteien verboten. Trotzdem zeigten die griechischen politischen Parteien, insbesondere die Parteien EK (Enossis Kentrou/Zentrumsunion) und EDA (Eniea Dimokratiki Aristera/Vereinigte Demokratische Linke) sehr bald Präsenz bei den sich vor Ort heranbildenden Organisationen. Aus der Mitte verschiedener Formationen, z.B. der EDA freundschaftlich nahestehender Clubs, wurden in vielen Gegenden des Landes, in denen sich griechische Migrant:innen aufhielten, diesen Parteien nahestehende Elemente aktiv. Die Jugendorganisationen der Parteien, d.h. für das Zentrum die EDIN (Elliniki Dimokratiki Neolea/Griechische Demokratische Jugend) und für die Linke die DNL (Dimokratiki Neolea Lambrakis/Demokratische Lambrakis-Jugend) spielten vor einer eher jugendliche Zuhörerschaft eine ganz entscheidende Rolle. Die Studenten und Studentinnen, die überwiegend – aber nicht nur – aus den Reihen der Linken kamen, erfüllten der griechischen Auswandererschicht gegenüber eine wichtige Unterstützerrolle, indem sie kostenlos ihre Dienste als Dolmetscher zur Verfügung stellten und beim Kontakt mit deutschen Behörden vermittelten.3Vgl. den Zeugnisbericht von Manolis Anastassiadis, DNL-Mitglied in Westdeutschland in den Jahren vor der Militärdiktatur (www.youtu.be/uNaQ_yYPlFU). Dieses Interview mit dem Verfasser erfolgte im Rahmen des griechisch-deutschen Forschungsprogramms „Solidarität und Widerstand. Die Unterstützung des Widerstands gegen die Militärjunta seitens der deutschen Parteien, Gewerkschaften und politischen Stiftungen (1967-1974)“, ASKI (Archia Synchronis Kinonikis Istorias/Archive Zeitgenössischer Sozialgeschichte) – Friedrich-Ebert-Stiftung, 2018. Zur Zentrumsunion vgl. das entsprechende Zeugnis von Jorgos Voukelatos (www.youtu.be/-12UIZFUmyo).
Bei den griechischen Behörden, die vor allem die Präsenz der Linken und deren eventuellen Einfluss fürchteten, stieß das Aufkommen der verschiedenen Gruppen und Organisationen auf Misstrauen. In der Tat spielten die neuen Organisationsformen (Gemeinschaften, Vereine) eine maßgebliche Rolle bei der Kultivierung einer Atmosphäre der Zusammengehörigkeit, die mit der Politisierung und über bestimmte weitere politische Träger und Gruppierungen als deren Wortführer einherging. Im Rahmen dieser Zusammenschlüsse entwickelten sich nicht nur Kommunikationsnetzwerke unter den Migranten, sondern auch in die deutsche Politik und das weitere gesellschaftliche Umfeld hinein.
Diese Netzwerke erwiesen sich am Tag nach dem Putsch in Griechenland als sehr wertvoll. Sowie der Staatsstreich publik wurde, kam es umgehend zur Organisation erster, von Griechen und Deutschen gemeinsam getragener Kundgebungen in den wichtigsten deutschen Städten mit dem Ziel, die Militärjunta international zu brandmarken und die Öffentlichkeit ins Bild zu setzen. Parallel zu dieser Mobilisierung wurden in den Städten, in denen Ausgewanderte lebten, Kommissionen ins Leben gerufen, an denen Migranten, Exilierte auch aus anderen Ländern und deutsche Bürger beteiligt waren (Matzouranis/Karamanolakis, 2021, 14–15). Neben den Schlagzeilen auf Titelseiten deutscher Zeitungen kursierten sehr schnell auch deutschsprachige Veröffentlichungen gegen das Obristenregime.4Vgl. dazu beispielsweise die Bücher von Vassos Mathiopoulos (Mathiopoulos, 1967) und Eberhard Rondholz (1968), die wenige Monate nach dem Putsch in Umlauf kamen. Daneben begann die Publikation diktaturfeindlicher Flugblätter, und auch bereits in Umlauf befindliche Druckwerke wiesen eine klar juntafeindliche Handschrift auf.
Die Beteiligung griechischer Studenten und Studentinnen am Kampf gegen die Diktatur
Bei den ersten Protestaktionen spielten griechische Studenten und Studentinnen überall in Westeuropa eine führende Rolle, entsprechend auch diejenigen, die in Westdeutschland lebten. Das ganze 19. Jahrhundert über und bis hin zum Ersten Weltkrieg war Deutschland der bevorzugte Hochschulstudienort griechischer Auslandsstudenten gewesen, doch im Gefolge der Naziherrschaft war diese Vorrangstellung vollständig verlorengegangen. Obwohl in den 60er Jahren und ebenso in den sieben Jahren der Diktatur der größte Teil der griechischen Studenten, die es ins Ausland zog, in Länder wie Italien und Großbritannien gegangen waren, gab es doch auch im Falle der Bundesrepublik einen beträchtlichen prozentualen Anstieg dieser Bevölkerungsgruppe. Für die Zahl der zwischen den Jahren 1970 und 1974 an den Universitäten des Landes studierenden Griechen wird ein Anstieg von 1.066 auf 1.706 errechnet (Panayοtopoulos, 1998, 80; Drettakis, 1978, 85–106). Die Studenten und Studentinnen aus Griechenland verteilten sich über die ganze Bundesrepublik, ballten sich aber besonders in West-Berlin. Laut Ilias Katsoulis waren an der Freien und an der Technischen Universität zwischen 1965 und 1975 mehr als 600 Griechen eingeschrieben (Katsoulis, 2010, 295).
Zunächst in Berlin, dann auch sonst überall, wo es Universitäten gab (Aachen, München, Hamburg, Düsseldorf, Braunschweig, Bonn) machten sich griechische Studierende an die Gründung von Ortsvereinen. Zu besserer Repräsentanz riefen sie, deutschem Vorbild entsprechend, ein übergeordnetes gewerkschaftliches Organ, den Verband griechischer Studentenvereinigungen Westdeutschlands und West-Berlins ins Leben. Mit dieser Aktion machten sie Griechenland zu einem Anliegen der deutschen Studentenbewegung, verschafften dem Thema eine breite Öffentlichkeit und integrierten es in eine breitere Agenda von Ansprüchen und Forderungen. Wiewohl Griechenland im Mittelpunkt stand, nahm ihre Kritik auch das deutsche Erziehungssystem und die Lebensbedingungen in ihrem Gastland ins Visier.
Die Zeitumstände waren für die griechische Sache außerordentlich günstig. Die deutsche Studentenbewegung der 60er Jahre hatte im Rahmen des internationalen Kampfes gegen Despotismus und Autokratie ihren Kulminationspunkt erreicht. Der Wandel der deutschen Universitäten in der Rückgang ihres elitären Charakters hatte den Weg für die Erweiterung der Studentenschaft um neue soziale Schichten bereitet. Die Studentinnen und Studenten an deutschen Universitäten reihten sich in den internationalen Kampf gegen den amerikanischen Imperialismus und den Vietnamkrieg ein, während sie gleichzeitig die Forderung nach einer Entnazifizierung der Professorenschaft und einer öffentlichen Aufarbeitung der nationalsozialistischen Vergangenheit des Landes erhoben. Die Radikalisierung der Studentenbewegung führte häufig zu Konfrontationen mit polizeilicher Gewalt und autoritärer Obrigkeitsstaatlichkeit, die ihr wiederum die unverhüllte Feindseligkeit der Massenmedien einbrachten.5Zur deutschen Studentenbewegung in den 60er Jahren vgl. Habermas, 1970, 13-30 und Klimke, 2010. Ein charakteristischer Fall ist derjenige von Rolf Pohle, der sich der Bewegung der jungen Leute damals angeschlossen hatte: er wurde wegen seiner Beteiligung an ihr und weiterhin als Mitglied der RAF verhaftet und von den deutschen Behörden verurteilt – als junger Rechtsanwalt war er bei der Bewältigung der Probleme griechischer Migranten behilflich gewesen (Pohle, 1999). Die Demonstrationen von 1967 gegen die griechische Junta und den Vietnamkrieg trugen erheblich zur Radikalisierung Tausender an ihnen teilnehmender Studenten bei (Tsiakalos/Pylia, 29.04. 2017).
In Kooperation mit einer bunten Vielzahl deutscher Träger organisierten sowohl die schon länger bestehenden wie die erst nach dem 21. April gegründeten griechischen Studentenverbände Protestkundgebungen, Pressegespräche, Konzerte und Beistandskampagnen. Parallel dazu kursierten Printperiodika und Flugblätter in griechischer und deutscher Sprache, die, teils von Studentenvereinen, teils von diesen fernstehenden Fraktionen herausgebracht, nicht allein den gemeinsamen Widerstand gegen das Regime, sondern auch die internen politischen Differenzen sichtbar werden ließen.6Vgl. etwa die (griechsprachigen) Periodika Nachrichtenblatt des antifaschistisch-antiimperialistischen Komitees griechischer Studenten Bochum; Fotinos, Zeitschrift des Vereins griechischer Studenten in München; Informationsblatt des Generalsekretariats des Verbandes griechischer Studentenvereinigungen (O.E.F.E.); Bulletin der Antifaschistisch-Antiimperialistischen Studentenfraktion (A.A.S.P.), Berlin. Im Rahmen ihres Widerstands gegen die Junta übernahmen es in zahlreichen Fällen die hochpolitisierten Studentinnen und Studenten , die vielen Tausend Migranten mit Information zu versorgen und politisch zu aktivieren (Moudopoulos, 2020).
Eine besondere Kategorie bildeten diejenigen Griechen und Griechinnen, die in der Bundesrepublik studiert hatten und die danach im Lande geblieben waren bzw. sich genötigt sahen, dorthin zurückzukehren, um dem Militärregime zu entgehen. Mit dem sozialen Status, über den sie verfügten, und aufgrund ihrer Kenntnis der Mechanismen, die die deutsche Öffentlichkeit steuerten, bauten sie im Verein mit anderen Engagierten effektive Netzwerke auf, über die sich Druck auf die deutsche Regierung und auf Persönlichkeiten des politischen Lebens überhaupt aufbauen ließ. Zur ersten Kategorie zählte Jorgos Voukelatos, der mit einem deutschen Stipendium Jura studiert hatte. Nach einer Auseinandersetzung mit Andreas Papandreou trat er von seinem Amt als Generalsekretär der Zentrumsunion (EK) zurück und gründete zusammen mit einer Reihe ehemaliger Zentrumsmitglieder das „Team Demokratie“. Ferner gab er die antidiktatorische Zeitschrift Dimokratia heraus und war aufgrund seiner engen Beziehungen zu den deutschen Gewerkschaften mitbeteiligt an der Publikation der Pressemitteilung, die die Gewerkschaft IG Metall regelmäßig herausgab.7Vgl. Voukelatos, 2003, und sein persönliches Zeugnis im Programm ASKI-Ebert.
Ein weiterer charakteristischer Fall ist der von Vassilis Mavridis. Als Mitglied der Demokratischen Nationalen Widerstandsbewegung (DEKA), einer der ersten Widerstandsorganisationen überhaupt, setzte er sich nach Deutschland ab, wo er Jura studiert und Verbindung zu Kreisen der Sozialdemokratie aufgenommen hatte. Dort fand er schnell Arbeit beim griechischen Programm der Deutschen Welle. Daneben wurde er Verleger einer von ihm selbst konzipierten und mit der Unterstützung griechischer und deutscher Freunde edierten Zeitschrift Griechische Nachrichten und Informationen. Das deutschsprachige Blatt enthielt eine Auswahl von originalen Junta-Texten, anhand derer die deutsche Öffentlichkeit und besonders deren Führungskräfte sich selbst ein Bild vom wahren Charakter des Regimes machen konnten. In einem persönlichen Zeugnis hob Mavridis hervor, wie wichtig die Erfahrungen seiner Studienzeit und wie hilfreich die Netzwerke waren, die er für seine Wiedereingliederung in die deutsche Gesellschaft geknüpft hatte und ihm insbesondere die Möglichkeiten gaben, zugunsten des griechischen Widerstands gegen die Diktatur Druck auf die deutsche Regierung und die politischen Parteien auszuüben.8Vgl. Mavridis’ persönliches Zeugnis in www.youtu.be/vcCVqCCzexo. Dieses Interview mit dem Verfasser entstand im Rahmen des deutsch-griechischen Forschungsprogramms „Solidarität und Widerstand […]“ (s.o. Fn. 3).
Ziele der Anti-Junta-Bewegung
Worauf zielten die Aktivitäten der Anti-Junta-Bewegung in Westdeutschland ab? Unmittelbar nach dem Putsch ging es zunächst darum, die deutsche Öffentlichkeit über das diktatorische Regime und die von ihm verübte Gewalt zu informieren. In dem Maß, wie in Griechenland Pressezensur durchgesetzt wurde, ging es der Anti-Junta-Bewegung schon sehr früh darum, die Mauer des Schweigens, die die Junta um sich errichtete, mit Pressegesprächen und öffentlichen Kundgebungen des Protests und der Anklage zu durchbrechen. Über Netzwerke von gesamteuropäischer Reichweite gelangten die Nachrichten samt Informations- und Beweismaterial (wie Zeugenaussagen Gefolterter) auf illegalen Wegen ins Ausland. Die Kataloge mit den Namen Tausender politischer Gefangener, dazu die Berichte über Widerstandsaktivitäten und handgeschriebene Anklagen über grauenhafte Folterungen kursierten in allen Großstädten Europas und so auch Deutschlands,9Parallel dazu wurden auch Zeugenberichte Gefolterter und Gefangener in Buchform herausgegeben, so etwa der Bericht von Tassos Minis (Minis, 1973). wobei es laufend zu Interventionen aller Art zugunsten der Veröffentlichung in deutschsprachigen Massenmedien kam. Die Publikation dieser Einzelheiten aus dem vom Militär vereinnahmten Griechenland widerlegte die Propaganda des Regimes über seine Friedfertigkeit und führte den Mythos von seiner positiven Akzeptanz seitens der griechischen Gesellschaft ad absurdum. In diesem Zusammenhang trug die Veröffentlichung der Personalien von der Junta Verhafteter zu deren Schutz bei und wirkte sich hilfreich auf internationale Kampagnen aus wie 1968 auf diejenige gegen die Hinrichtung von Alexandros Panagoulis.
Neben der Aufklärung der Öffentlichkeit über die Untaten des Regimes waren seine Isolation und internationale Verurteilung das zweite große Ziel. Um dies zu bewerkstelligen, wurde ein breites Repertoire an Aktivitäten auf vielerlei Ebenen und vielerlei Weise genutzt: internationalen Organisationen wie UNO und NATO vorgelegte Anklagen, Initiativen, die sich an die deutsche Regierung und die politischen Parteien richteten, Kontaktaufnahme mit bekannten Persönlichkeiten des deutschen öffentlichen Lebens – stets mit dem Ziel, Anklage gegen die Junta zu erheben. Auf Breitenwirkung zielten Großdemonstrationen, Benefizkonzerte, Hungerstreiks u.a.m. Der auf die Amtsträger ausgeübte Druck und die Reaktionen der Öffentlichkeit hatten eine entscheidende Wirkung auf die Haltung der deutschen Regierung, die daraufhin forderte, die Beziehungen zwischen Griechenland und dem Europarat einzufrieren. Alles in allem übte ein großer Teil der Öffentlichkeit Druck auf die deutsche Regierung aus, ihre Beziehungen zum Juntaregime abzubrechen.
Zugleich war man über Spendensammlungen, aber auch Kontakte mit politischen Parteien und Organisationen bemüht, im In- und Ausland Geldmittel für die Unterstützung des Kampfes zusammenzubringen und Netzwerke für die Weiterleitung der Hilfe zu etablieren. Ebenso baute die Antidiktatur-Bewegung Netzwerke für die Aufnahme und Unterstützung von Griechen auf, die als freiwillig ins Exil Gegangene oder als Verfolgte des Regimes von Griechenland her in die Bundesrepublik gekommen waren. In Zusammenarbeit mit deutschen Trägern wie den Gewerkschaften traten diese Netzwerke bei der Wohnungs- und Arbeitssuche in Aktion. Ferner unterstützten sie Migranten und Migrantinnen, die von der Junta bedroht wurden oder denen man den Pass abgenommen hatte und denen nun Abschiebung drohte.
Griechische Regimegegner konnten auf deutschem Boden Zuflucht finden. Einer der spektakulärsten Fälle darunter war der des Juristen Alexandros Mangakis. In den 60er Jahren hatte er in Deutschland studiert und dort anschließend als Dozent gewirkt. Nach dem 21. April wurde er aus seiner Dozentenposition, die er inzwischen an der Juristischen Fakultät in Athen innehatte, entlassen und anschließend wegen seiner regimefeindlichen Aktivitäten verhaftet. Er verblieb drei Jahre im Gefängnis, von wo aus er eine ganze Serie von Texten gegen das Regime veröffentlichte. 1972 wurde er – noch im Gefängnis – zum Professor an der Heidelberger Universität gewählt. Mit Hilfe des deutschen Botschafters Peter Limbourg (in dem die Athener Junta eine persona non grata sah) wurde er aus gesundheitlichen Gründen aus der Haft entlassen und nach Deutschland abgeschoben – ein Vorgang, der zu einer mittleren Krise in den Beziehungen zwischen beiden Ländern führte (Voukelatos, 2003, 526–533).10Einer der bekanntesten von Mangakis in der Haft verfassten Texte mit dem Titel Freiheit, meine Liebe – er apostrophierte die Vokabel „Freiheit“ (gr. „eleftheria“) nicht nur im primären Sinne des Wortes, sondern auch in Bezug auf seine gleichnamige Ehefrau Eleftheria – wurde 1971 im Attika-Press-Verlag Frankfurt veröffentlicht.
Die Träger des griechischen Widerstands
Wer waren die griechischen Träger, die sich in Deutschland am Widerstand gegen die Junta beteiligten? Zunächst die im Zuge des Putsches und der Annullierung allen politischen Lebens in Griechenland umgeformten politischen Parteien. Während sich der konservative Sektor anfangs in mehrere Flügel aufgespalten hatte, die das Regime teils tolerierten, teils sich in Schweigen zurückzogen, teils Widerstand leisteten und zu kleinen Teilen auch mit dem Regime der Diktatoren kollaborierten, wandten sich die Kräfte des Zentrums und der Linken von Anfang an gegen die Junta. Für die Bundesrepublik ist zu verzeichnen, dass es aufgrund der sehr stark vertretenen Gastarbeiterschaft eine beträchtliche Präsenz von Zentrums-Kräften gab –im Gegensatz etwa zu Italien, wo die Linke und hier insbesondere ein Sektor von dieser dominierte, der sich aufgrund seines hohen studentischen Anteils als „revolutionär“ definierte.
Im Zentrumsbereich löste Andreas Papandreous Gründung der Panhellenischen Befreiungsbewegung (PAK), die im Vergleich zur Zentrumsunion mit deutlich radikaleren Positionen antrat, erhebliche Friktionen aus. Trotz des Aufkommens erster deutscher PAK-Kristallisationspunkte entwickelte auch die Zentrums-Union, der Zusammenschlüsse wie Jorgos Voukelatos’ „Team Demokratie“ beitraten, intensive Aktivitäten.11Vgl. die digitalisierte Belegsammlung von Myrodis Athanassiou über die Aktivitäten der EKED in Deutschland, URL: https://www.scribd.com/search?query=user%2F93809755%2FMyrodis-Athanassiou [22. Februar 2022]. Noch verwickelter waren die Verhältnisse bei der Linken. Die Spaltung der Kommunistischen Partei Griechenlands (KKE) im Februar 1968 schuf neue Realitäten inner- und außerhalb Griechenlands. Die in Griechenland, aber auch in Westeuropa und Deutschland führende Widerstandsorganisation der Linken, die Panhellenische Antidiktatorische Front (PAM), wurde anfänglich von erheblichen Erschütterungen heimgesucht, ehe sie sich auf die Seite der Inland-KP stellte. Sie baute dabei einen eigenen Apparat auf, während die KP in Deutschland auch ihrerseits politisch aktiv wurde. Zur Einflusssphäre beider Parteien zählten Gewerkschaftsorganisationen sowie studentische und Jugendformationen. Alles in allem hatten die Veränderungen in der griechischen Parteienlandschaft Auswirkungen auch auf den deutschen Raum und machten sich dort in Form von Spaltungen und Austritten bemerkbar.
Der zweite tiefe Einschnitt hatte mit dem Mai 1968 und vornehmlich mit der Radikalisierung eines großen Teils der griechischen Studenten und Studentinnen in Westdeutschland zu tun. Sie fand ihren Niederschlag in der Etablierung einer Reihe politischer bzw. dem Widerstand verschriebener Organisationen, wobei die Gründung der Revolutionären Kommunistischen Partei Griechenlands (EKKE) 1970 in West-Berlin die wichtigste war. Diese Partei zeigte nachdrückliche Präsenz beim Kampf gegen die Diktatur, den sie vor allem über ihre Jugendorganisation, die Antifaschistisch-Antiimperialistische Studentische Fraktion Griechenlands (AASPE), auch auf Aktionen innerhalb Griechenlands ausdehnte, wo sie sich der dortigen Studentenbewegung anschloss und auch am Aufstand am Athener Polytechnio beteiligte (November 1973). Die Organisationen der – wie sich selbst nannte – „revolutionären“ Linken gingen ganz im systemkritischen Klima der damaligen Zeit auf und kamen in entsprechenden Kontakt mit einschlägigen Formationen auch auf deutscher Seite, was wiederum die Aufmerksamkeit der deutschen Sicherheitsbehörden erregte, die ihr energisches Vorgehen beunruhigte.12Vgl. den Text des Gründungsmitglieds des EKKE Anna Filini (2005) und deren im Rahmen des Forschungsprogramms „Solidarität und Widerstand […]“ dem Verfasser dieser Untersuchung gegenüber abgelegten Zeugenbericht (www.youtu.be/ZFUSFHxnuNg). Über PAM und PAK hinaus agierte in Westdeutschland eine beträchtliche Zahl weiterer diktaturfeindlicher Organisationen. Hingewiesen sei an dieser Stelle auf die „Demokratische Abwehr“ oder die Formation „Rigas Fereos“. Ihre Entstehung war vom Widerstandskampf, aber auch von den konstitutiven Anfängen gleichnamiger Organisationen inspiriert, die im militärisch beherrschten Griechenland als erste gegründet worden waren.
Griechische politische Parteien und Organisationen agierten auf westdeutschem Boden vielfach gemeinsam, indem sie entsprechend kollektive Interventionen und Vorhaben organisierten. Demonstrationen, Konzerte und öffentliche Auftritte standen im Zeichen einer umfassenden Einmütigkeit von Griechen und Nichtgriechen, zu der es bei der gesamten Anti-Junta-Bewegung im Ausland häufig gekommen ist, aber durchaus nicht immer die Regel war. Der Kampf gegen die Diktatur in Deutschland verlief nicht einheitlich-geschlossen; im Gegenteil: sehr oft kam es zu Konkurrenzkämpfen zwischen den Organisationen. Es gab viele unterschiedliche Zielsetzungen mit erheblichen politischen und ideologischen Differenzen. Für bestimmte Organisationen der Diktaturgegner sollte der Sturz des Militärregimes in Griechenland lediglich der Auftakt für eine Umwälzung des gesamten politischen Systems sein. Ablesbar an entsprechenden Austritten, Beschuldigungen, Spaltungen und Neugründungen, kam es besonders bei politisch einander nahestehenden Organisationen zu heftigen Zusammenstößen im Ringen um die ideologische und organisatorische Vorherrschaft. Beispielsweise schlugen sich die Organisationen – und hier besonders die linken – immer wieder mit der Frage herum, ob der Widerstand auf Gewalt ausgerichtet sein sollte. Die „Liberalisierung“ des Regimes, besonders auch nach Bildung der Regierung Spyros Markesinis, lösten sogar innerhalb der einzelnen Organisationen Streitigkeiten und Spannungen aus, welche Taktik die Antidiktaturbewegung befolgen sollte.
Die Presse im Dienst des Kampfs gegen die Diktatur
Ein wichtiger Bereich der griechischen Widerstandsaktivitäten war auf die Herausgabe regelmäßig erscheinender Printmedien fokussiert. Wie aus der in den Archiven für Zeitgenössische Sozialgeschichte ASKI geleisteten Forschungsarbeit hervorgeht, wurden in Westdeutschland im Vergleich zu anderen Ländern die meisten Titel publiziert (60 von 361). Von diesen ist wiederum die Mehrzahl in West-Berlin (16 Titel), Frankfurt (acht), München (acht) und Hamburg (fünf) erschienen. Hinter ihnen standen hauptsächlich die griechischen politischen Parteien, die Widerstandsorganisationen sowie Zusammenschlüsse der Arbeiterschaft. Wie schon erwähnt, nahmen auch die regelmäßigen Publikationen der Studenten einen wichtigen Platz ein. Abgesehen von den in Deutschland gedruckten Publikationen las das griechische Publikum auch gegen die Diktatur opponierende Zeitungen und Zeitschriften, die andernorts im Ausland herausgegeben wurden, so etwa das Freie Griechenland (Eleftheri Ellada, Rom) und das Freie Vaterland (Eleftheri Patrida, London). Deren Exemplare gingen von Hand zu Hand und zielten nicht nur darauf ab, den Kampf gegen das Diktatorenregime zu organisieren, sondern auch Mitstreiter für die jeweils dahinter stehenden Organisationen zu rekrutieren. Auf den Seiten dieser Blätter begegnet man außer Nachrichten über den Widerstandskampf und die Situation in Griechenland oft auch Kritik und Konfrontation gegenüber anderen Organisationen des antidiktatorischen Spektrums (Karamanolakis, 2010).13Vgl. auch den digitalen Katalog, der aus dem Forschungsprojekt der Archia Synchronis Kinonikis Istorias/Archiven Zeitgenössischer Sozialgeschichte (ASKI) „Die illegale Presse 1936–1974: Digitalisierung und theoretische Untersuchung“ (2010) [https://old.askiarchives.eu/paran.aspx] hervorgegangen ist und insbesondere den Abschnitt „Die antidiktatorische Presse 1967–1974“, herausgegeben von Vangelis Karamanolakis. Das Projekt wurde 2010 in das Förderprogramm für wissenschaftliche Studien der Latsis-Stiftung aufgenommen. Daneben wurden in ganz Deutschland Blätter der illegalen juntafeindlichen Presse wie Avji (Morgenröte) und Risospastikos Machitis (Radikaler Kämpfer) nachgedruckt und in Umlauf gebracht.
Das sich uns im Pressebereich vermittelnde Bild ist repräsentativ für das gesamte Spektrum des Kampfes gegen die Diktatur und für die Organisationen, aus denen dieses Spektrum sich zusammensetzte. Da die Publikationen in erster Linie an die vielen Tausend griechischen Migranten und Migrantinnen gerichtet waren, kursierten in Westdeutschland anders als anderswo die meisten Publikationen in griechischer Sprache. Ihr Bestreben war, über die Vergabe von Informationen hinaus von der Notwendigkeit einer Teilnahme am Kampf gegen die Diktatur zu überzeugen. Sie zeichneten in Umrissen die aktuelle Situation in Griechenland nach, betonten aber auch, welche Bedeutung massenhaftes Engagement für den Kampf hätte. Diese Printmedien wandten sich an die griechischen Migranten in Westdeutschland sowohl als Vertreter einer besonderen, in ein Beschäftigungsverhältnis im Ausland aufgenommenen Kategorie wie als neuartiger Staatsbürgertyp, der sich aufgrund seiner demokratischen Prägung und Bildung dem obrigkeitsstaatlichen System, das in seiner Heimat Fuß gefasst habe, auch dann entgegenstellen müsse, wenn er es in seinem Alltag nicht selbst miterlebe.
Neben dem Journalismus in Printmedien erfüllte der Radiojournalismus eine besondere Funktion. In dieser Hinsicht waren die griechischen Programme deutscher Sendeanstalten wie der Deutschen Welle in Köln und des Bayerischen Rundfunks in München von ganz außerordentlicher Bedeutung. Seit 1964 war auf einer Frequenz des Bayerischen Rundfunks die 40-minütige griechischsprachige Sendung für griechische Migranten zu hören; sie bot Nachrichten, aus Griechenland eingeladene Gäste, Informationen über Deutschland, dazu auch Deutschunterricht. Die Präsenz von Pavlos Bakojiannis in der Sendeleitung war von entscheidender Bedeutung für ihren Kampf gegen die Diktatur. Vom ersten Tag nach dem Putsch an nahm das Programm eine ausnehmend kritische Position gegenüber der Junta ein, was zu – allerdings erfolglosen – Versuchen des Militärregimes führte, seine Einstellung zu betreiben (Papanastassiou, 2020).14Vgl. das autobiographische Zeugnis der Sendungsmitarbeiterin Eleni Torossi, 2016 und das dem Verfasser im Rahmen des Programms „Solidarität und Widerstand […]“ (vgl.. Fn. 3) gewährte Interview (https://www.youtube.com/watch?v=S-61e0A8cqo). Was die sich an Hörer im Ausland wendende Deutsche Welle angeht, so nahm diese ab 1969 und seit dem Aufstieg der SPD an die Macht eine klar gegen die Diktatur gerichtete Haltung ein. Dabei entwickelte sich der Sender für seine Hörer im Griechenland der Militärdiktatur durch Sendungen von Journalisten wie Vassos Mathiopoulos zur [maßgeblichen] Informationsquelle und zum Symbol des Rechts auf freie Meinungsäußerung.15Vgl. dazu Mathiopoulos’ Publikation seiner politischen Kommentare bei der Deutschen Welle (Mathiopoulos, 1975). Mathiopoulos war Pressekorrespondent der griechischen Presse in Deutschland. 1963 wurde er von der Athener Nachrichtenagentur entlassen, nach dem 21. April vom Journalistenverband der Athener Tageszeitungen (ESIEA) auf die Schwarze Liste gesetzt. Er war ein persönlicher Freund Willy Brandts. Sein antidikatatorisches Handeln störte das Athener Regime in besonderem Maße.
Deutsche Unterstützung des griechischen Kampfs
Die negative Haltung der deutschen Öffentlichkeit gegenüber der Diktatur artikulierte sich umgehend über Zeitungsveröffentlichungen, Demonstrationen und Protestkundgebungen. Die deutsche Regierung der Großen Koalition aus CDU und SPD hielt, eingebunden in die Rahmenbedingungen des Kalten Krieges, ihre engen Beziehungen zu Griechenland als verbündetem NATO-Land aufrecht. Dabei spielte auch die Befürchtung eine Rolle, die griechische Regierung könne im Fall eines Abbruchs der Beziehungen im Gegenzug die DDR anerkennen.
Vom ersten Moment an war sie andererseits bestrebt, zu einem diktatorischen Regime innerhalb Europas auf Distanz zu gehen. Diese Distanzierung wurde mit dem Aufstieg der SPD und der Wahl Willy Brandts zum Kanzler sehr viel deutlicher sichtbar. Dennoch war diese Haltung auch in der SPD nicht immer von einmütiger Geschlossenheit gekennzeichnet, insbesondere wenn sich innerhalb der Parteimechanismen regierungspolitische Fragen und unterschiedliche strategische Vorstellungen bemerkbar machten. Abgesehen vom Kalten Krieg erwies sich die Furcht vor den wirtschaftlichen Konsequenzen, die ein Abbruch der Beziehungen zu Griechenland mit sich bringen würde, als starker Faktor bei der Perpetuierung dieser schwankenden Haltung.
Auf jeden Fall unterstützte die deutsche Regierungden griechischen Widerstand, indem sie u.a. verfolgten Griechen und Griechinnen Asyl gewährte, denjenigen, denen die Junta ihre Pässe abgenommen hatte, neue ausstellte und allen Beschwerden des Regimes zum Trotz an den griechischsprachigen Programmen deutscher Sender festhielt. Auf der anderen Seite kooperierte sie in einigen Bereichenmit dem Junta-Regime und blieb mit ihm im Gespräch.16Für einen Überblick über die griechisch-deutschen Nachkriegsbeziehungen vgl. Apostolopoulos, 2018, spezifisch mit Blick auf Europa Botsiou, 2010. Das kam, wie Hagen Fleischer treffend bemerkt hat, dem Versuch einer Quadratur des Kreises gleich (Flaischer, 2016).
Soviel in Bezug auf die Bonner Zentralregierung – hinsichtlich der einzelnen Bundesländer stellten sich die Dinge entsprechend den jeweiligen politischen Positionen ihrer Regierungen komplexer dar. Im Interesse einer Fortsetzung ihres wirtschaftlichen Austauschs intensivierte beispielsweise die Regierung von Franz Josef Strauß in Bayern die Beziehungen zum Regime der Diktatoren – Umstände, die naheliegenderweise auch die Bundesregierung im Auge behielt.
Viel eindeutiger sah es bei den Arbeitergewerkschaften aus, zu deren Mitgliedern ganz in Einklang mit entsprechender deutscher Politik auch die griechischen Migranten zählten. Diese Körperschaften, in deren Reihen es eine starke SPD-Präsenz gab, unterstützten den Kampf gegen die Diktatur auf vielfache Weise, indem sie sich schützend vor die mehrheitlich zu ihren Mitgliedern zählenden griechischen Auswanderer stellten und ihnen wirtschaftliche Unterstützung zukommen ließen. Entsprechend vom deutschen Staat bevollmächtigt, spielte neben den Gewerkschaften auch die Evangelische Kirche mit ihrer Fürsorge für die griechischen Migranten eine bedeutende Rolle. Ihrer Verantwortung unterstanden die „griechischen Häuser“, die sich das Ziel gesetzt hatten, Einwanderer aus Griechenland mit Bildungs- und Freizeitangeboten zu betreuen. Allerdings wurde die Umsetzung dieser Angebote zum Auslöser von Zusammenstößen zwischen Kräften, die der Junta positiv oder negativ gegenüberstanden.
Neben den Reaktionen „von oben“ gab es auch solche „von unten“. Über alle Jahre der Diktatur hinweg wurden immer wieder Zusammenschlüsse und Initiativen von deutscher und zuweilen auch griechischer Seite mit dem Ziel ins Leben gerufen, Gegenreaktionen auf das Regime zu manifestieren. Natürlich gab es auch individuelle Initiativen gegen die griechische Junta. All das zeigt, dass keineswegs immer einmütig auf die Junta reagiert wurde. So stand die CSU, konservativstes Segment der deutschen Gesellschaft, einem Regime, das der kommunistischen Gefahr entgegentreten wollte, zunächst durchaus positiv gegenüber. Andere wieder reagierten feindselig auf die diktaturfeindlichen Aktivitäten der Griechen in Deutschland – eine Feindseligkeit, die mit ihrer grundsätzlichen Ablehnung der Migranten zusammenhing, zumal sich die ursprünglichen Verlautbarungen der deutschen Regierungen über den vorläufigen Charakter der Einwanderung schnell als falsch erwiesen hatten.17Vgl. das persönliche Zeugnis von Sigrid Xanthou, mit welcher Feindseligkeit ihr deutscher Vater ihrem zukünftigen Ehemann Lefteris begegnete, dazu ihren Bericht über ihre zeitweise eigene Verwicklung in den griechischen Kampf gegen die Diktatur (Xanthos/Xanthou, 2016).
Ein weiteres Segment der deutschen Öffentlichkeit betrachtete das griechische Problem als seine ureigenste Sache . Für diesen Teil der Gesellschaft, der 22 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs erwartete, dass sein Land die Freiheit und Demokratie verteidigte, war es dringend erforderlich, dass seine Regierung gegenüber der griechischen Militärjunta eine ablehnende Haltung einnahm.. Und dies galt umso mehr mit Blick auf Griechenland, der Wiege der Demokratie, wie es die Deutschen aus der Schule kannten. Charakteristisch ist in diesem Zusammenhang ein Satz aus dem Munde des damals noch ganz jungen Doktoranden Hagen Fleischer:
Mit der, wenn auch häufig langweiligen Saat meiner humanistischen Bildung hatte ich die klassische Kultur lieben gelernt. Der Gedanke, dass das (mit Ausnahme der offenbar unerschütterlichen Diktaturfossilien auf der iberischen Halbinsel) „freie“ Westeuropa von einem weiteren faschistoiden Regime infiziert worden war, erschien mir unerträglich – und das im Land von Thukydides, das kennenzulernen mein Traum war.18Vgl. Fleischer, 2015,436 und ausführlicher den Artikel, in dem er als Mitglied der ersten Nachkriegsgeneration Deutschlands auf seine persönliche Beziehung zur nationalsozialistischen Vergangenheit zu sprechen kommt.
In einer Zeit intensiver Infragestellung, die gerade die deutsche Jugendbewegung besonders berührte, erwies sich der Fall Griechenland als zusätzliches Glied einer weltumspannenden, von Vietnam bis Spanien reichenden Kette aus Imperialismus und Ausbeutung, die es zu zerreißen galt
Die Haltung der Junta
Im Gegensatz zu anderen westeuropäischen Ländern, wo die Junta im Allgemeinen nicht versuchte, gegen sie gerichtete Aktivitäten einzuschränken, agierte sie in Westdeutschland anders. Vermutlich der sehr großen Anzahl von Migranten wegen bemühte sie sich vom ersten Moment an, die Zahl der gegen sie gerichteten Reaktionen gering zu halten, zunächst indem sie bei der Bundesregierung, den Länderregierungen und bei den Leitungen des Bayerischen Rundfunks bzw. der Deutschen Welle mit Anzeigen und Memoranden intervenierte. Später versuchte sie aber auch, auf verschiedene Weisen die migrantische Bevölkerung für sich zu gewinnen, z.B. durch Gefälligkeiten und Kredite an Vereine, die das Militärregime fördern wollte. Je mehr die Junta daran scheiterte, die Auswanderergemeinschaften unter ihre Kontrolle zu bringen, machte sie sich daran, juntafreundliche Zusammenschlüsse ins Leben zu rufen. Darüber hinaus nutzte sie Möglichkeiten, die sich ihr im Bildungsbereich insofern boten, als der griechische Staat neben den deutschen Schulen, zu deren Besuch die Migrantenkinder verpflichtet waren, auch besondere Schulen geschaffen hatte, die den Kindern griechische Bildung vermittelten. Die Junta bediente sich also der Erziehung als eines ideologischen Propagandamittels, besetzte die Schulen mit aus Griechenland kommendem Personal ihrer Wahl und nutzte jede Gelegenheit,19In der diktaturfeindlichen Presse, und hier besonders in der Wochenzeitung Eleftheri Ellada, die in Rom herausgegeben wurde, erschienen häufig gegen den Unterricht an den griechischen Schulen erhobene Vorwürfe, die hauptsächlich aus der Feder von Jorgos Mantzouranis stammten. ihr Handeln positiv darzustellen und ihre Akzeptanz bei den Migranten zu befördern. In dieser Richtung boten sich die nationalen Gedenktage als bevorzugte Ebene an – eine Ebene allerdings, die auch zum Schauplatz gewaltsamer Zusammenstöße mit Gegnern der Diktatur werden konnte, die der Durchführung der Kundgebungen entgegenarbeiteten und deren Auflösung betrieben, indem sie das Einschreiten der deutschen Polizei provozierten.20Vgl. «Τα γεγονότα του Σάντμπακ και Όφφενμπαχ. Συντριπτική ήττα των πρακτόρων της χούντας στη Γερμανία», Δημοκρατία. Μηνιαίο περιοδικό Ελεύθερων Ελλήνων,τχ. 32-33, Μάρτιος-Απρίλιος 1969, 11.
Die wirksamste Waffe des Regimes aber war die Angst. Über die griechischen Konsulate als Zentren ihrer Macht terrorisierten die Junta-Behörden die Auswanderer und Studenten mit der Drohung, ihre Pässe einzuziehen und ihnen die Einreise nach Griechenland zu verbieten. Sie setzten sogar die deutschen Behörden unter Druck, diejenigen auszuweisen, die ihrer Pässe beraubt waren. In Hannover gab es Vorwürfe seitens der örtlichen IG-Metall-Verwaltung, der Generalkonsul habe bewaffnete Gruppen aufgestellt, um die griechischen Migranten einzuschüchtern. In Bonn versuchte der Presse-Attachée der griechischen Botschaft den Attika Press Verlag als wichtigste Druckerei der Antidiktatur-Presse aufzukaufen, scheiterte aber aufgrund zahlloser Protestaktionen (Raitsinis, 2017).21Die juntafeindlichen Zeitungen und Zeitschriften in Deutschland verbreiteten Anklagen gegen die Gewalttätigkeit des Regimes, vgl. z.B. «Η παρακρατική δράση των φασιστών», Δελτίο για τη Γερμανία της Οργάνωσης Ελλήνων Μαρξιστών-Λενινιστών, αρ. φ. 11, 21 Φεβρουαρίου 1971, 7-9. Το 1969. 1969 wurden die Pässe sechs griechischer Gewerkschafter von der Junta annulliert, weil sie an einer Kundgebung gegen die Diktatur teilgenommen hatten. Das führte zu ihrer Ausweisung durch die örtlichen deutschen Behörden – Begründung: es fehlten gültige Pässe. Auf Betreiben des westdeutschen Gewerkschaftsbundes wurde dieser Beschluss wieder aufgehoben (vgl. «Μάχη για τα διαβατήρια», εφ. Σπίθα, φ. 2, Απρίλιος 1969, 3).
Die Konsulatsbehörden sprachen Drohungen gegen Personen aus dem Verwandtenkreis der Migranten aus, die in Griechenland zurückgeblieben waren, und versuchten, Informanten aus der Anti-Junta-Bewegung für sich zu rekrutieren. Im Dezember 1970 wurde ein Gastarbeiter, der nach Pyrgos im peloponnesischen Ilia gereist war, um dort zu heiraten, festgenommen, weil er eine Seite aus einer gegen die Diktatur eingestellten Zeitung mit sich führte. Nach Folter und Misshandlung machte man ihm den Vorschlag, unter der Bedingung nach Deutschland zurückkehren zu können, Informationen über Juntagegner zu liefern. Er kehrte zwar nach Deutschland zurück, zeigte aber dort die Junta an (Raitsinis, 2017). Informanten des Konsulats berichteten für dort geführte Dossiers über das diktaturfeindliche Handeln bestimmter griechischer Migrant:innen und Student:innen und zeigten sie anschließend bei den deutschen Behörden an.
Epilog
Die westeuropäische Anti-Diktaturbewegung und die Solidarität eines Teils der deutschen Bevölkerung gegenüber den Griechen bilden ein gemeinsames Kapitel in der Geschichte beider Völker, sind zugleich aber auch Teil der internationalen Wandlungsprozesse, die sich in den westlichen Gesellschaften der 60er Jahre vollzogen.
In diesem Sinne und in einem Europa, das stark von der Arbeitsmigration der Nachkriegsjahre geprägt war, fungierte die griechische Migration als wirkmächtiger Multiplikator bei der Entwicklung der Antidiktatur-Bewegung. Wir wissen nicht, wie groß die Zahl derjenigen war, die sich an dieser Bewegung beteiligten. Jedenfalls war schon in der Zeit vor der Diktatur ein beträchtlicher Teil von ihnen fest mit der politischen Mitte bzw. der Linken verbunden, die dann beide an vorderster Front im Kampf gegen die Junta stehen sollten. Allerdings blieb wohl der größte Teil von ihnen passiv und hielt Distanz zu den politischen Verhältnissen in Griechenland. Grund dafür war offenbar die Furcht vor den Folgen, die solche Aktivitäten nach ihrer Heimkehr oder für ihre Verwandtschaft in Griechenland haben könnte. Offensichtlich gab es auch Auswanderer, die Anhänger des Regimes waren; sie formierten sich aber nicht zu einer relevanten bzw. auffällig werdenden Strömung.
Dass sich aber in den Reihen der Wirtschaftsmigranten die Existenz einer solchen starken diktaturfeindlichen Tendenz konstatieren lässt, hat offensichtlich mit den sehr nach- und eindrücklichen Erfahrungen ihrer Übersiedung zu tun. Auswanderung löste bei denen, die sie erlebten, einen entscheidenden Wandlungsprozess aus. Obgleich sie sowohl als Fremde wie als Beschäftigte in vermeintlich „niederen“ Arbeitsbereichen in der Aufnahmegesellschaft gleich einer doppelten Diskriminierung ausgesetzt waren, lernten sie doch auch ein neues Leben in urbanen Räumen kennen, in denen sich ihre Lebensverhältnisse im Vergleich zu ihrem Herkunftsland Schritt um Schritt verbesserten. So berichtete ein Migrant aus der Zeit vor der Diktatur gegenüber Jorgos Mantzouranis:
Meine Frau arbeitet im Krankenhaus. Sie bekommt da auch gleich zu essen, mittags und abends. Manchmal bringt sie auch Salami und Joghurt nach Haus mit. Sie bekommt 700 Mark, und was macht sie dafür? Sie wäscht in gemütlich warmen Räumen Geschirr ab. Mann, wir sind wirklich gut dran! Du solltest mal im Winter in die Gegend von Metsovo raufgekommen sein und sie da ankommen gesehen haben, wie sie nasse Füße vom Schneematsch bekam, und nun ist sie hier direkt im Krankenhaus – bei uns im Dorf gab’s nicht mal einen Arzt! Ich sag nur eins: Dass sie uns hier bloß nicht feuern… (Mantzouranis, 2000).
Hinzukam, dass die Existenz eines zuverlässigenen, wenn auch restriktiven Rahmens, wie ihn das deutsch-griechische Anwerbeabkommen festgelegt hatte, jenseits aller Einschränkungen deutlich die Rechte und Pflichten der Gastarbeiter umriss. In die deutschen Gewerkschaften eingegliedert zu sein, festigte in ihnen das Gefühl, sicher und geschützt zu sein. In jedem Fall brachte der Ortswechsel, ob nun aus wirtschaftlichen oder aus Studiengründen vollzogen, die Auswanderer mit einem ganz anderen Umfeld voller Schwierigkeiten, Herausforderungen und einer ganz anderen Lebensweise in Kontakt. Die jungen Frauen und Männer waren einer Informations- und Reizflut ausgesetzt, die zwangsläufig immer wieder zu Vergleichen herausfordern musste. Fest entschlossen, eines Tages wieder in ihr Heimatland zurückzukehren, sorgten sie sich – so geht aus Printtexten, Erinnerungen und Zeugenberichten hervor – Tag für Tag um die Zukunft ihres Landes. Für viele von ihnen wurde der Kampf gegen die Diktatur zu einem Prozess der Bewusstseinsbildung und des Zusammenrückens mit den Landsleuten, aber auch den Deutschen, die sie unterstützten. Die griechischen politischen Parteien und die Epoche der Diktatur entwickelten sich, wie wir sehen, zu einem großen Labor des Austauschs und der Neuausrichtung. Die Ablehnung der Junta brachte Menschen miteinander in Kontakt, die politisch ganz unterschiedliche und gegensätzliche Wege gegangen waren, und der Kampf gegen die Diktatur erwies sich als entscheidendes Terrain, auf dem das vom Bürgerkrieg hinterlassene Trauma aufgearbeitet werden konnte. Obwohl starke Indizien dafür vorliegen, dass sich ein erheblicher Teil der griechischen Migranten am Kampf gegen die Diktatur beteiligt hat, bleiben Fragen zum Verständnis dieser Epoche und auch zu dem offen, was sich ihr in der Phase der griechischen Metapolitefsi anschloss. Hier besteht weiterer Forschungsbedarf.





