Compendium

Die Essays des Compendiums gliedern sich in Mikrogeschichten (narrative Detailuntersuchungen und Fallanalysen), Makrovorgänge (Praktiken und Netzwerke, Policies und Strukturen), Metanarrative (Konzepte, Deutungsmodelle, Stereotype) und Präsentationen (etwa Projektvorhaben bzw. Rezensionen).
Die enzyklopädischen Artikel liefern Kurzporträts von Personen, Institutionen, Medien, Objekten und Orten der deutsch-griechischen Verflechtungen.
In den Dossiers werden ausgewählte Essays und Artikel so zusammengebracht, dass sie eine kompakte Übersicht über bestimmte thematischen Schwerpunkte geben.

Neue Essays

Die nationalsozialistische Akademie für Deutsches Recht und ihr Einfluss auf das griechische Zivilrecht

Die endgültige Formulierung des griechischen Zivilgesetzbuchs Astikos Kodix und seine vorherrschende Auslegung sind teilweise auf den Einfluss der nationalsozialistischen Rechtslehre zurückzuführen. Diese wurden im damaligen Deutschland im Rahmen der Arbeiten zur Reform des deutschen Privatrechts systematisch gepflegt und hatten großen Einfluss auf die griechischen Rechtskreise. Dazu braucht man nur in den Fachzeitschriften jener Zeit zu blättern. Das damals herrschende Verständnis des Rechtsmissbrauchs herrschte, seinem eindeutigen Gegensatz zur liberalen Tradition des „heutigen römischen Rechts“ zum Trotz, auch in der Nachkriegszeit.

Übersetzung aus dem Griechischen: Athanassios Tsingas

Philhellenismen der Wiener Moderne

Elisabeth von Österreich und ihr Vorleser Christomanos vertreten im Wien der 1890er Jahre einen schwärmerischen Philhellenismus, der romantische Vorgaben mit einem Subjektivismus der Stimmung verbindet und sich ausdrücklich auch auf die Gegenwart des Landes und der Landschaft bezieht. Im Wiener Feuilleton herrscht dagegen eine einseitige Verehrung des antiken Griechentums vor, das den gebildeten Wienern um 1900 zum großen Teil noch durch gymnasialen Sprachunterricht nahegebracht wurde. In der produktiven Aneignung setzen sie originelle Akzente: von der Funktionalisierung des Mythos für die Traumdeutung (Freud) über das identifikatorische Interesse an der sokratischen Aufklärung (Gomperz) oder die These von der Hysterie der Griechen (Bahr) bis zur mystischen Überhöhung des Opferrituals in der Archaik oder asiatischen Kulten (Hofmannsthal, Beer-Hofmann). Während der junge Kokoschka diese Vision einer barbarischen Katharsis aufgreift und übersteigert, distanziert sich Ehrenstein vom mythischen Ernst einer mit Bildungsansprüchen verbundenen Antike zugunsten eines erotisch-entspannten Griechentums, das in den 1920er Jahren auch ein Komödienplan Hofmannsthals aufgreift.

 

Bayern und „Zugereiste“: Rekrutierungen durch die „Fremdherrschaft“ und die Veteranen des Freiheitskampfes von 1821 zur Regierungszeit von König Otto in Griechenland (1833 – 1862)

Der vorherrschende Diskurs über die Freiheitskämpfer von 1821 hat die Darstellungen der Bayern in der öffentlichen Geschichte Griechenlands entscheidend beeinflusst. Dieser Diskurs hat sich in großen Teilen bereits während Ottos Regierungszeit herausgebildet. Die anfangs zu Gunsten der bayerischen Regierung vorgebrachten Argumente stützten sich auf die Forderung nach Modernisierung und die Ablehnung der überkommenen Praktiken der osmanischen Vergangenheit. Die traditionellen Waffenträger verkörperten diese Vergangenheit, gleichzeitig jedoch verkörperten sie auch den Freiheitskampf von 1821, den Gründungsakt des griechischen Staates. Daher verletzten die Auflösung der irregulären Streitkräfte des Freiheitskampfes und die allgemeine Militärpolitik der Bayern in gewissem Sinne das Griechentum selbst, das diese „Schützer der Nation“ repräsentierten, vor allem in einer Gesellschaft, die von der „Megali Idea“ durchdrungen war. Gleichzeitig verursachte der Ausschluss der Freiheitskämpfer von den öffentlichen Ämtern ein Gefühl des „nicht entgoltenen“ Kampfes, das ursächlich war für viele Aufstände. Parallel zu den Modernisierungsverfechtern, die anfangs die Militärreformen unterstützten, trugen die Streitigkeiten zwischen den Freiheitskämpfern ihrerseits dazu bei, dass sich nicht von Anfang an eine gemeinsame Front gegen die Bayern bildeten. Jeder Freiheitskämpfer oder jede Faktion versuchte, sich mit der Staatsgewalt zu verbünden, und auf diese Bemühungen folgten Aufstände und erneute Verhandlungen über die Bedingungen der Unterwerfung. Sehr bald jedoch, und ohne dass die Drängeleien untereinander jemals aufhörten, scharten sich die Freiheitskämpfer und die Autochthonen, die sich diesen Titel aneigneten, gegenüber dem zusammen, was als Fremdherrschaft aufgefasst wurde: ein Zustand, der sie hinderte, die öffentlichen Stellen einzunehmen, die sie als für ihre Dienste geschuldete Belohnung ansahen. Der Bayer bildete die Kategorie des unerwünschten Fremden, nicht notwendigerweise die verabscheuungswürdigste. Das „Ressentiment gegen die Bayern“ war einer der ausländerfeindlichen Diskurse, der mit dem Autochthonenkult und der Bewegung gegen die Fanarioten koexistierte. Als Gegenentwurf aller drei Fälle erschien der Freiheitskämpfer, der seine Wut rechtfertigte, indem er sich auf die Empörung des griechischen Volkes gegenüber einer fremden Tyrannei und deren zugereisten griechischen Helfern berief. Im Gegensatz jedoch zum Autochthonenkult und der Bewegung gegen die Fanarioten passte das Ressentiment gegen die Bayern in den nationalen Diskurs. Nach den Osmanen waren die Bayern der nächste semantische „Andere“, der es der Nation erlaubte, ihre Identität negativ zu definieren. Im Konflikt mit den Bayern haben die Freiheitskämpfer ihre nationale Überlegenheit bekräftigt. Obwohl also die Revolution vom 3. September geschah, damit „die Bayern und anschließend wir die Auslandsgriechen“ vertrieben wurden, hat sich letztlich die Version des ruhmreichen nationalen Widerstands gegen die „Bavarokratie“ durchgesetzt.

Übersetzung aus dem Griechischen: Ulf-Dieter Klemm

Neue Artikel

Μαρί Εσπεράνς φον ΣβαρτςΗ Μαρί Εσπεράνς φον Σβαρτς (Marie Esperance von Schwartz, 1818–1899), το γένος Brandt, περισσότερο γνωστή με το καλλιτεχνικό της ψε
Rudolf Fahrner Rudolf Fahrner (1903–1988) war ein deutscher Germanist, der zwischen 1941 und 1944 die Leitung des Deutschen Wissenschaftlichen Instituts (DWI) in Athen innehatte. Nach dem Abitur in Linz stu
Moriz Carrière Moriz Carrière (1817–1895‏) war ein deutscher Philosoph, Kunsthistoriker und Schriftsteller. 1842 gab Carrière gemeinsam mit seinen Berliner Studienfreunden Heinrich Bernhard Oppenheim und Da

Neue Dossiers

Die deutsch-griechischen Verflechtungen zur Zeit König Ottos

In keiner Phase der jüngeren und jüngsten Geschichte Griechenlands hat die Einführung staatlicher Institutionen zu einer vergleichbaren gesellschaftlichen und kulturellen Transformation beigetragen wie in den drei Jahrzehnten unter der Herrschaft von König Otto.

Die deutschen Philhellenismen

Das Dossier umfasst verschiedene Felder der deutsch-griechischen Verflechtungen, die bislang für gewöhnlich unter dem einheitlichen Begriff des deutschen Philhellenismus (bzw. des Mishellenismus) subsummiert wurden. Den ersten Angelpunkt der Konferenz bildet die Neubewertung der Rezeptionen von 1821 in den deutschsprachigen Ländern und die Mobilisierung, die sie in Verbindung mit den politischen Bewegungen nördlich der Alpen hervorriefen. In diesen Bewegungen waren freilich von vornherein eine politische und eine kulturelle Komponente miteinander verflochten, die politische Bewegung des Philhellenismus und die aus der einschlägigen Literatur bekannte „Tyrannei Griechenlands über Deutschland“. Selbstverständlich darf die Rolle der griechischen Gemeinden des deutschsprachigen Raumes in diesem Zusammenhang nicht vergessen werden. Den zweiten Angelpunkt bildet die Untersuchung der Transformationen, die diese politisch-kulturelle Verflechtung in den 200 Jahren nach dem Ausbruch der Griechischen Revolution erfuhr.

Deutsch-griechische Verflechtungen vom Deutschen Kaiserreich bis zum Einmarsch der Wehrmacht in Griechenland

Die Sehnsucht der gebildeten Deutschen nach dem, was sie als die Wiege ihrer persönlichen und gesellschaftlichen Identität ansahen, blieb auch in diesen Jahren unvermindert, während sich die Griechen, die auf dem Wege der Bildung zu gesellschaftlicher Reputation gelangen wollten, hauptsächlich (wenn auch nicht ausschließlich) durch die Augen der Deutschen sahen.