Carl Diem: Der Cheforganisator der Olympiade 1936
Carl Diem (1882–1962) war ein deutscher Sportfunktionär und Publizist (Abb. 1).1Βei dem vorliegenden Text handelt es sich um die leicht überarbeitete Fassung eines Vortrages, der am 10.02.2023 auf der 16. Tagung der Arbeitsgemeinschaft für Neogräzistik in Deutschland gehalten wurde: https://www.geisteswissenschaften.fu-berlin.de/v/arge_neograezistik/veranstaltungschronik/16_tagung.html (Stand: Februar 2026). Für Hinweise und Unterstützung bin ich Agnes Henning, Marco Hillemann, Rolf Hilke, Anja Hohmann, Thede Kahl, Eric Moormann, Miltos Pechlivanos, Mathildi Pyrli und Rolf Sachsse verpflichtet. Mein besonderer Dank gilt Ansgar Molzberger und Ralf Sühl vom Carl und Liselott Diem-Archiv, Zentrum für Olympische Studien, Deutsche Sporthochschule Köln, die mich während der Pandemie großzügig und unbürokratisch mit Informationen und digitalisierten Dokumenten aus ihren Beständen versorgt haben. Zu weiterführenden Informationen vgl. den kürzlich erschienenen Sammelband von Lehmann – Peters, 2025, der leider für diese Publikation nicht mehr berücksichtig werden konnte. Berühmt wurde er als Cheforganisator der Olympischen Sommerspiele von 1936 und als Begründer der ersten Sporthochschule weltweit (1920 in Berlin und 1947 in Köln). Nach Ludwig Jahn (1778–1852), bekannt als Turnvater Jahn, war Diem eine der prägendsten Gestalten des deutschen Sports.2Becker, 2019, 13 zu Diems Bezeichnung als „Vater des deutschen Sports“. Der Historiker Frank Becker veröffentlichte 2009 eine umfassende Arbeit über das Leben und Werk von Carl Diem. Sie wurde in den vergangenen 10 Jahren dreimal neu aufgelegt und bietet eine unentbehrliche Grundlage für weiterführende Recherchen. Umso bedauerlicher ist es, dass diese wichtige Daten- und Informationsquelle keinen Index aufweist und bisher nicht in digitaler Form vorgelegt worden ist. Bis in die 1990er Jahre genoss er in Deutschland große Popularität: Straßen, Sportplätze und Schulen trugen seinen Namen. Standbilder und Büsten wurden zu seinen Ehren aufgestellt, beispielsweise die Bronzetafel aus dem Jahr 1964 mit Portraitrelief im Berliner Olympia-Stadion von Hans Karl Burgeff.3Vgl. https://bildhauerei-in-berlin.de/bildwerk/7-bronzetafeln-mit-portraitreliefs-7220/ (Stand: Februar 2026). In seinem Tagebuch erwähnt Diem noch ein früheres Porträt des deutsch-jüdischen Bildhauers Kurt Harald Isenstein: Carl und Liselott Diem Archiv [CuLDA], Tagebücher von Carl Diem, Eintrag vom 13.10.1936; zu Isenstein vgl. Kankeleit, 2021, 177–179. 1953 erhielt Diem das Große Verdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland.4Vgl. https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Kategorie:Tr%C3%A4ger_des_Gro%C3%9Fen_Bundesverdienstkreuzes&pagefrom=D (Stand: Februar 2026). 1968 wurde eine Briefmarke mit seinem Konterfei in Umlauf gebracht.5Vgl. https://www.briefmarken-bilder.de/brd-briefmarken-1968/carl-diem-sport-organisator (Stand: Februar 2026).
Sein Bestseller von 1937 Olympische Reise: Unter der Sonne Homers, dazu ein Körnlein attischen Salzes wurde zwar nach dem Krieg nicht wieder aufgelegt, blieb aber eine wichtige und häufig zitierte Informationsquelle für Historiker und Archäologen.6Diem, 1937.
Das durchweg positive Image von Carl Diem erhielt in den letzten Jahrzehnten einige Risse und wurde mittlerweile einer gründlichen Prüfung unterzogen. Dazu trug u.a. der Augenzeugenbericht des Journalisten Reinhard Appel (1927–2011) bei, der als 17-Jähriger erlebt hatte, wie Diem am 18. März 1945 im Kuppelsaal des Berliner Olympiageländes seine sog. Sparta-Rede hielt. Mit zahlreichen Bezügen zum antiken Sparta verklärte dort Diem den Tod für das Vaterland und rief Hitler-Jungen und Soldaten zur Teilnahme am „Volkssturm“ und zu einem „finalen Opfergang für den Führer“ auf.7Becker, 2009, 272–276.
Seit 2000 sind mehrere kritische Untersuchungen vorgelegt worden, die ausführlich auf Diems Rolle in der Zeit des Nationalsozialismus eingehen.8Laude – Bausch, 2000; Becker, 2009; Becker, 2019, Teil III: NS-Zeit; Schäfer, 2011; https://www.bisp-surf.de/Record/PU201209006213/Solr (Stand: Februar 2026). Diese Publikationen haben wiederum zu kontroversen Diskussionen unter Historikern geführt, die entweder dem Lager der Diem-Gegner oder Diem-Anhänger zugeordnet wurden.9Becker, 2019, 9 zum Historikerstreit von 2010; vgl. https://www.spiegel.de/sport/historikerstreit-um-diem-a-3cc0affd-0002-0001-0000-000071030058 und https://www.zeit.de/sport/2010-12/diem-streit-nationalsozialismus-dosb/komplettansicht (Stand: Februar 2026). Einen traurigen Höhepunkt bei diesen Auseinandersetzungen stellten die meist erfolglosen Klagen und Gerichtsverfahren von Diems Familienmitgliedern dar.10Vgl. https://www.spiegel.de/sport/sonst/sporthistorie-schickte-carl-diem-kinder-in-den-sicheren-tod-a-175980.html und https://www.spiegel.de/sport/sonst/gerichtsurteil-diem-schickte-jugendliche-in-den-tod-a-177588.html (Stand: Februar 2026).
Tatsache ist, dass das Bild von Carl Diem heute stark beschädigt ist.11Becker, 2009, 245–246, 337 konnte u.a. nachweisen, dass Diem Kenntnis von den NS-Verbrechen hatte. Etliche Straßen und Einrichtungen wurden in den vergangenen Jahren umbenannt,12Becker, 2019, 11 zu den Umbenennungen; vgl. auch https://www.spiegel.de/lebenundlernen/uni/denkmalsturz-sporthochschule-verliert-im-namensstreit-um-carl-diem-a-501387.html (Stand: Februar 2026). so auch die ehemalige Carl Diem-Sporthalle in Berlin Steglitz, die heute als „Sochos-Sportanlage“ bezeichnet wird (nach dem Gemeindebezirk Sochós / Σοχός im Norden Griechenlands).13http://www.jugendgeschichtswerkstatt.de/strassennamen/diem/carl-diem.html; https://www.berlin.de/ba-steglitz-zehlendorf/politik-und-verwaltung/aemter/schul-und-sportamt/sport/artikel.109619.php (Stand: Februar 2026).
Carl Diem und Baron Pierre de Coubertin
Die oben erwähnte Sparta-Rede sowie seine große Zahl populärwissenschaftlicher Publikationen zeigen, dass Carl Diem ein stark verklärtes Bild vom antiken Griechenland hatte. Als besonders erstrebenswert empfand er den körperlichen und militärischen Drill der Spartaner, aber auch andere Hochkulturen (z.B: in Athen, auf Kreta oder auf Delos) konnten seine Begeisterung entfachen.
Seine Verehrung für die griechische Antike teilte er mit Pierre de Coubertin, dem Initiator der Olympischen Spiele der Neuzeit und Begründer des Internationalen Olympischen Komitees.14Becker, 2019, 71 zu Coubertins Begeisterung für die Antike.
Beide Sportfunktionäre arbeiteten an einer Perfektionierung des Leitbildes der modernen Olympiade, der sog. Olympischen Idee. Ihre Korrespondenz, die im Archiv des IOC in Lausanne verwahrt wird, macht deutlich, dass sie den Bezug zum antiken Olympia intensivieren und den „geistigen und künstlerischen Charakter“ der Spiele von 1936 stärker in den Fokus15Hübner, 2015, 298 Anm. 45–47; IOC Historical Archives, Olympic Games Berlin 1936, Correspondence with the OCOG, 1931-1934: Carl Diem an Pierre de Coubertin am 09.10.1931 (Dank an Carine Genevey Renaud für die Zusendung der Dokumente). rücken wollten.
Diem schlug sogar vor, einen antiken „Marmorblock“16Vgl. Anm. 15: Carl Diem an Pierre de Coubertin am 09.10.1931. aus Olympia in das moderne Stadion von Berlin zu integrieren. Glücklicherweise wurde diese Idee nicht realisiert, zeigt aber, dass Diem eine rein symbolische Verbindung zu Olympia offensichtlich nicht ausreichte und er auch sicht- und greifbare Bezugspunkte herstellen wollte.17Hübner, 2015, 298 Anm. 48; IOC Historical Archives, Olympic Games Berlin 1936, Correspondence with the OCOG, 1931-1934: Carl Diem an Pierre de Coubertin am 14.12.1933.
Carl Diem und Theodor Lewald
Eine wichtige Rolle bei der Organisation der Olympischen Sommerspiele von 1936 spielte auch Theodor Lewald, Präsident des deutschen Organisationskomitees.18Krüger, 1975; Ueberhorst, 1985; Fuhrer 2011, 14; Moormann, 2023. Diem und er reisten mehrfach gemeinsam nach Griechenland und trafen sich dort mit anderen Sportfunktionären, Politikern, Wissenschaftlern und Künstlern.19CuLDA, Tagebücher von Carl Diem, Einträge vom 17. bis 24.05.1934, 27.05.1934, 29.06.1936. Diem und Lewald besuchten gemeinsam einen Empfang des Bankiers Dionysios Loverdos in seiner Residenz in der Straße Mavromichali: „Ein wunderbares Haus, eine der reichsten Sammlungen der byzantinischen Kirchenkunst. Unzählige Zimmer, alle von oben bis unten mit Altertümern geschmückt, doch als Wohnräume zusammengestellt, nicht etwa als Museum. Unvorstellbarer Reichtum. Zahllose Kirchenbilder, Schmuck, antike Plastiken, Vasen, Tücher, Geräte, Teppiche, Mosaiken, Bücher. Ich traf dort den Direktor des Nationalmuseums Alexander Philadelpheos, der am Pnyx die Vasen mit den Ballspielern ausgegraben hatte. Er schenkte mir seine Schrift über Nicopolis.“; zum heutigen Museum: https://www.youtube.com/watch?v=XEhDmQH1ypA (Stand: Februar 2026). Unvergesslich waren wohl auch die gemeinsamen Besuche von Museen und antiken Stätten in Athen sowie Kurzausflüge nach Delphi und die Peloponnes im Mai 1934.
Lewald hatte einen ganz anderen Background als Diem, der aus prekären Verhältnissen stammte und nicht mal das Abitur absolviert hatte.20Becker, 2019, 17–29, speziell Seite 28 zum geringen Bildungsgrad und der zunehmenden Verarmung von Diems Eltern, die 1899 zur Auswanderung des Vaters nach Amerika führte. Diem war ein Autodidakt und Selfmademan, während Lewald aus einer angesehenen Juristenfamilie stammte, mehrere Fremdsprachen fließend beherrschte (Englisch, Französisch und Italienisch) und seit 1888 für den preußischen Staatsdienst tätig war.21Pfeiffer – Krüger, 1995, 251–257 zu Lewalds Karriere im Internationalen Olympischen Komitee (IOC), seiner Nähe zu „reaktionären Kreisen“ und den Arrangements mit den Nationalsozialisten. Es ist davon auszugehen, dass Lewald für Diem eine Art „Türöffner“ war und ihm den Zugang in die sog. besseren und gebildeteren Kreise im In- und Ausland erleichterte.22Krüger, 1975; CuLDA, Tagebücher von Carl Diem, Einträge vom 05.07.1935 und 06.09.1935: „Ich freute mich, wie sie alle sich nach Lewald erkundigten, von dessen Frische, Kunstsinn und Liebenswürdigkeit sie noch voll sind.“ und „Lewald hat bereits ungemein geschickt vorgearbeitet, die von ihm bereitete Luft der Freundschaft und Herzlichkeit ist die Rettung in all diesen verzwickten Lagen.“
Aus mehreren Dokumenten geht hervor, dass Lewald unter anderem für die Präsentation der griechischen Antike in Deutschland zuständig war und dabei intensiv mit einigen Berliner Archäologen zusammenarbeitete. Dazu gehörten u.a. Theodor Wiegand, Gerhart Rodenwaldt, Carl Blümel und Alfred Schiff.23Budzinski, Diem u.a., Bd. 2, 1937, 1107; Blümel, 1936; Marchand, 1996, 351; Lehmann, 2003, 216 Anm. 43; Sünderhauf, 2008, 327 Anm. 281; Lindenlauf, 2015, 284 Anm. 149; Kankeleit, 2022; Politisches Archiv des Auswärtigen Amtes [PA AA] PZ 214/98757; CuLDA, Tagebücher von Carl Diem, Einträge vom 18.05.1934, 27.05.1934, 24.05.1944; CuLDA, Brief von Carl Diem an Georg Karo, 11.02.1949.
Da Lewald väterlicherseits ein sog. Halbjude war, musste er sich nach 1936 auf Drängen von Hitler aus dem IOC zurückziehen. Vieles, was später ausschließlich Diem zugeschrieben wurde, geht vermutlich auch auf seinen Einsatz zurück.
Carl Diem und Leni Riefenstahl
Diem galt Jahrzehnte lang als der „Erfinder“ des olympischen Fackellaufs, der im Juli 1936 von Olympia nach Berlin auf einer Strecke von über 3000 km durchgeführt wurde.24Rother, 2006, 72–73 mit der Abbildung eines Werbeplakats zum Fackellauf; https://www.freitag.de/autoren/the-guardian/befleckte-vergangenheit (Stand: Februar 2026). Ebenso wurde er als Impulsgeber und Wegbereiter für das kulturelle Rahmenprogramm in Berlin angesehen.
Seit 1935 arbeitete er mit der Regisseurin Leni Riefenstahl zusammen und beauftragte sie persönlich mit der Umsetzung der beiden Olympia-Filme.25Riefenstahl, 1987, 236–237; Mackenzie, 2003, 303 mit Anm. 4, 310–311.
Nach dem Krieg setzte er sich dafür ein, dass Riefenstahls Olympia-Filme wieder öffentlich gezeigt werden konnten. Er versuchte mit allen Mitteln, sie von ihrem Nazi-Image reinzuwaschen und ihr einen neuen Zugang in die internationale Filmszene zu ermöglichen.26Korrespondenz aus den 1950er Jahren im CuLDA.
Heute ist die Lage genau umgekehrt: Nach Riefenstahl sind zwar keine Straßen benannt, doch hat ihr künstlerisches Vermächtnis als Fotografin und Filmemacherin eine Art Renaissance und erneute Wertschätzung erfahren. Der Kölner Taschen-Verlag konnte mit großem Gewinn einige Bücher über ihr Leben und Werk herausgeben.27Vgl. https://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/riefenstahl-vermarktung-leni-sells-a-106469.html; https://www.ardmediathek.de/video/riefenstahl/riefenstahl/wdr/Y3JpZDovL3dkci5kZS9CZWl0cmFnLXNvcGhvcmEtOWU3NGEyNjMtNzY1Ni00YmY5LTg5ODQtZDM2NmFlMDg4OTll (Stand: Februar 2026). Die Krönung war Riefenstahls 100. Geburtstag, der 2002 in einem illustren Kreis prominenter Persönlichkeiten begangen wurde.28Zu den ca. 160 Gästen gehörten beispielsweise Siegfried & Roy, Uschi Glas und Reinhold Messner: https://www.youtube.com/watch?v=7WYKEnwp4u0 (Stand: Februar 2026); Sachsse, 2011, 223 zur „Renaissance der Riefenstahl unter den Auspizien des Pop“.
Carl Diem und Alfred Schiff
In den vergangenen Jahren traten Zweifel auf, ob Diem tatsächlich als der „Erfinder“ des olympischen Fackellaufs bezeichnet werden kann. 2003 erschienen unabhängig voneinander zwei Artikel, die Diem als rücksichtslosen Nutznießer des deutsch-jüdischen Archäologen Alfred Schiff darstellten.29Lehmann, 2003, 201 mit Anm.9, 216-217 mit Anm. 45; Mackenzie, 2003, 318 mit Anm. 54. Schiff hätte als Erster die Bedeutung des fackeltragenden Läufers in der Antike untersucht, auch hätte er in vielen anderen Fällen Ideen und Konzepte für Diem entwickelt. Unerwähnt und als Jude geächtet, sei er anschließend in Vergessenheit geraten. Diese These wurde von der deutschen Presse und mehreren Wissenschaftlern aufgegriffen und weiterverbreitet.30Vgl. https://www.spiegel.de/geschichte/olympia-1936-a-947704.html; Emmerich 2011, 118 und 188 und https://de.wikipedia.org/wiki/Alfred_Schiff (Stand: Februar 2026), dort als Tatsache dargestellt. Es gibt jedoch ein grundsätzliches Problem: Die Quellen, auf die sich beide Autoren berufen, sind heute offensichtlich nicht mehr auffindbar.31Hübner 2015, 298 Anm. 49. Im Carl und Liselott Diem Archiv befinden sich Kopien von zwei Texten, die Alfred Schiff zur geplanten Ausstellung „Sport der Hellenen“ verfasst hatte: CuLDA Mappe Nr. 694 (5 Seiten handschriftlich und 3 Seiten maschinenschriftlich). Der Inhalt hat einen protokollarischen Charakter und wirkt nicht wie ein eigenständiges Konzept, eher wie die Zusammenfassung vorausgegangener Unterredungen und Beschlüsse. Mein Dank geht an Lucia van der Linde (PA AA) für ihre Hilfe beim Entziffern des von Hand geschriebenen Manuskripts.
Fakt ist hingegen, dass Diem, der selbst ein passionierter Sportler war (Abb. 2), sich schon sehr früh für die Idee eines europaweiten Staffellaufes eingesetzt hat.32Becker, 2019, 92, 555–557; 1908 organisierte Diem den Stafettenlauf (Staffellauf) von Potsdam nach Berlin, vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/ Staffellauf_Potsdam–Berlin (Stand: Februar 2026). Die Fackel sollte als Referenz an die Antike später hinzugefügt werden.
Aufgrund der bisher bekannten Dokumente ist davon auszugehen, dass der finale Fackellauf gemeinsam von deutschen und griechischen Sportfunktionären, Politikern und Wissenschaftlern entwickelt wurde.33Skiadas, 1997; Skiadas, 2020; Tzachrista, 2002, 106-107; Yalouri, 2010, 2176 Anm. 4; Fuhrer, 2011, 85 mit Anm. 123; Moutsis, 2011, 137; Moormann, 2023. Für die These, dass es sich bei dem Fackellauf um das Produkt eines gruppendynamischen Prozesses handelte, spricht auch das Engagement der beteiligten griechischen Archäologen: Neue Athener Zeitung (NAZ) vom 28.06.1936; Bellers, 1986, 84–85. Es scheint eine Art von Teamgeist vorgeherrscht zu haben, der auch für viele andere Olympia-Kampagnen charakteristisch war.34Zu den Olympiafilmen von Leni Riefenstahl: Rother, 2001, 88–91. Es gab also keinen eindeutigen Spiritus Rector, auch wenn Diem sehr kreativ und umtriebig war und in späteren Jahren viele Ideen ausschließlich ihm zugeschrieben wurden.
Die Tagebücher von Carl Diem im Carl und Liselott Diem-Archiv in Köln
Eine der wichtigsten Quellen für meine Untersuchung befindet sich im Carl und Liselott Diem-Archiv (kurz CuLDA) in Köln.35Zu den Beständen des CuLDA: https://www.dshs-koeln.de/visitenkarte/einrichtung/carl-und-liselott-diem/ und https://nachlassdatenbank.de/search.html?q=Carl+Diem (Stand: Februar 2026). Das Archiv gehört zur Deutschen Sporthochschule Köln und es ist ein großer Gewinn, dass das Personal außerordentlich hilfsbereit ist und ein Großteil der Unterlagen bereits in digitaler Form vorliegt.36Vgl. Anm. 1. Ein Besuch vor Ort ist in diesem Jahr geplant.
Die Tagebücher, die hier in Auszügen präsentiert werden sollen, wurden von Diems Sohn, Carl Jürgen Diem, komplett digitalisiert und dem Archiv zur Verfügung gestellt. Die Abschrift umfasst 2.882 Seiten und macht deutlich, dass Diem ein ausgesprochener Vielschreiber war. Pläne und konkrete Vorbereitungen zu Olympischen Wettkämpfen wechseln sich ab mit landeskundlichen Beobachtungen, Bemerkungen zum Essen und Auslassungen über Personen, denen er begegnet ist. Es finden sich darin kaum tiefergehende Analysen zur politischen und gesellschaftlichen Lage der Länder, die er bereiste, auch Einzelschicksale werden nur sehr oberflächlich gestreift. Insgesamt hat man den Eindruck, dass Diem kein Intellektueller war und in einer eher schlicht-fröhlichen Art das Leben und seine Olympia-Mission als Abenteuer ansah.
Ergänzt werden Diems Tagebucheinträge durch Quellen aus anderen Archiven in Deutschland und Griechenland (Abb. 3). Das hier erstmals präsentierte Dokument stammt aus dem griechischen Archiv für Literatur und Geschichte „ELIA“ (Ελληνικό Λογοτεχνικό και Ιστορικό Αρχείο: Hellenic Literary and Historical Archive). Das Foto wurde im September 1935 in Glyphada aufgenommen und zeigt Diem mit Organisatoren und Unterstützern der XI. Olympiade in Berlin.
Diem befindet sich im Zentrum der Gruppe. Vor ihm sitzt sein politischer Vorgesetzter, Hans von Tschammer und Osten, Reichssportführer und -kommissar des Deutschen Reiches.
Von Interesse sind auch die weiteren Akteure: die beiden deutschen Archäologen Georg Karo37Davis, 2014; Lindenlauf, 2015; Lindenlauf, 2016; Ungern-Sternberg 2017; CuLDA, Tagebücher von Carl Diem, Einträge vom 25.09.1935, 24.10.1935, 29.06.1936 und 24.08.1938: „Beim Weggehen machte mich Karo in so taktvoller Weise auf eine Schwierigkeit aufmerksam, die in seiner Person läge, was mir bekannt war. […] Karos vornehmes und feines Wesen […] der treue Karo“; vgl. Anm. 53. und Walther Wrede38Krumme, 2012; CuLDA, Tagebücher von Carl Diem, Einträge vom 22. und 24.10.1935: „Abends in der Philadelphia, der deutschen Gesellschaft. Dr. Wrede als Landesleiter und PG (seit 1933) in Uniform […] ein junger und sehr überzeugter Nationalsozialist“., Erster und Zweiter Direktor des Deutschen Archäologischen Institut in Athen. Karo war jüdischer Herkunft, während Wrede sich mit großer Begeisterung der nationalsozialistischen Bewegung anschloss.39Ausführlich zum Werdegang der beiden Archäologen: Brands – Maischberger, 2012 und Brands – Maischberger, 2016.
Von den übrigen Teilnehmern konnten bisher fünf identifiziert werden: darunter Kostas Kotsias40Dima, 2023, Anm. 25; CuLDA, Tagebücher von Carl Diem, Einträge vom 20. und 21.10.1935 zu Kostas Kotsias: „ein Original, 1,90 m groß, schlank mit einem Titushaupt, mächtige etwas ergraute, wollige Locken, die königlich umherflattern, einem kräftigen hohen Stirnvorbau, lebendige Augen, gerade Nase, sprechender Mund und in einer gewissen Weiche doch energisches Kinn. Außerordentlich lebhaft, spricht lachend und gestikulierend nach allen Seiten, immer ein wenig auf Effekt bedacht und sorgsam um sich sehend, wohin er leutselig zu sein habe. Eine Art Jimmy Walker, doch ebenso riesenhaft wie jener klein, ebenso verschlagen, aber vielleicht ein etwas größeres Format. 42 Jahre alt. Behauptet zu trainieren, will in Athen den letzten Kilometer Fackellauf selbst laufen und möchte dasselbe im Berliner Stadion. […] Mich hat er ständig am Wickel, weil er doch den letzten Mann des Fackellaufs in Berlin machen möchte. Er darf aber nicht bei uns laufen, sondern nur entgegennehmen und anzünden.“; ebd. Eintrag vom 25.03.1936: „Exzellenz Lewald benutzte die Gelegenheit, um dem Griechischen Gesandten Rizo Rangabé zu sagen, dass wir doch den Wunsch des Bürgermeisters Kotzias aus Athen nicht erfüllen können, er wollte das Olympische Feuer selbst entzünden. Dafür soll er den Ölzweig aus Olympia überbringen.“ (auch „Kappa Kappa“ genannt, Bürgermeister von Athen), Michail Rinopoulos (Generalsekretär des Hellenischen Olympischen Komitees und Präsident von SEGAS, Σύνδεσμος Ελληνικών Γυμναστικών Αθλητικών Σωματείων: The Hellenic Association of Amateur Athletics) und Konstantinos Logothetopoulos (Gynäkologe und aktives Mitglied in der deutsch-griechischen Community Athens, Vizepräsident der Griechisch-Deutschen Gesellschaft und während der Besatzungszeit ranghoher Vertreter der Kollaborationsregierung.41CuLDA, Tagebücher von Carl Diem, Eintrag vom 21.10.1935 zu dem Fototermin mit Hans von Tschammer und Osten.
Diems erste Reise nach Griechenland im Jahr 1906
Laut Tagebuch reiste Diem in seinem Leben mindestens 20 Mal nach Griechenland. Sein erster Besuch fand 1906 anlässlich der Olympischen Zwischenspiele in Athen statt.42Becker, 2019, 76–80 zu Diems ersten Griechenlandaufenthalt im Sommer 1906: ein richtungsweisendes Erlebnis, wobei der Marathonlauf als besonderer Höhepunkt empfunden wurde. Diem ist begeistert von Land und Leuten, wobei er keine Trennung zwischen dem antiken und modernen Griechenland macht. Er lobt die Organisation und die Unterbringung der deutschen Mannschaft im Zappeion. Besonders angetan ist er von den „Freiübungen“ der griechischen männlichen Jugend, die in „weißen Turnanzügen“ kam: „Ein anmutiges Bild, diese vielen jungen Menschenleiber in gleichen Bewegungen“.43CuLDA, Tagebücher von Carl Diem, Eintrag vom 01.05.1906. Zeitgleich übt er Kritik an Deutschland: „Bei dem großen Interesse, das in Griechenland für Leibesübungen herrscht, wächst die Jugend unter glücklicheren Bedingungen heran, als im Lande der Denker – die so viel erforscht und so wenig davon verwertet haben, wenigstens in dieser Richtung“.44CuLDA, Tagebücher von Carl Diem, Eintrag vom 01.05.1906.
Besonders schätzt Diem den Sportsgeist der Amerikaner und Engländer und hält es für erstrebenswert, dass die Deutschen diesem zukünftig nacheifern. Fairness und Wertschätzung für den Gegner sollten die Grundlage aller Olympia-Wettkämpfe sein.
Umso mehr kritisiert Diem die Griechen, die dem Gewichtheber Tofalos ungehemmt zujubeln. Der Jahrmarktcharakter der Veranstaltung und die „chauvinistischen Auslassungen“,45CuLDA, Tagebücher von Carl Diem, Eintrag vom 30.04.1906: Kommentar von Carl Diem zum Neunten Tag der Olympischen Zwischenspiele in Athen. die sich hier Bahn brechen, stoßen ihn regelrecht ab.
Insgesamt ist sein Fazit jedoch positiv und auch in späteren Jahren spricht Diem von Griechenland nur mit Respekt und Hochachtung:
Im großen und ganzen [sic] können wir mit dem Erfolg unserer Reise wenigstens numerisch zufrieden sein. 31 Preise vom wilden Olivenbaum mussten für uns gebrochen werden. […]
Nur Frankreich und Griechenland konnten uns überbieten. […]
Griechenland hat mit 40 Siegen ebenfalls einen hübschen Erfolg. […]
Wir haben vor allen anderen Nationen uns um die Erforschung der griechischen Altertümer verdient gemacht und der deutsche Geist hat hineingestrahlt in das Chaos der Ruinen des Altertums.
Jedoch von der praktischen Weisheit, von der Körperkultur der Griechen, die wir im Worte zu deuten wussten, ist nichts auf uns übergegangen.
Vielleicht kommt uns von den Neugriechen diese uns fehlende Weisheit.
Die Olympischen Spiele haben in allen Kreisen Deutschlands großes Aufsehen und Interesse erregt.46CuLDA, Tagebücher von Carl Diem, Eintrag vom 01.05.1906.
Diems zweite Reise nach Griechenland im Jahr 1934
Diems zweite Reise nach Griechenland fand erst 28 Jahre später statt. Im Frühjahr 1934 sollte er erstmals das antike Olympia sehen, was für ihn ein Schlüsselerlebnis war.47Becker 2019, 534–535.
Olympia. Der Zug hält. 3 Uhr. Ich bin am Ziel, das ich mir solange mit heißem Herzen ersehnt habe. Ein kleines Dorf ist wieder angesiedelt. Am Bahnsteig stehen Kinder und singen. Ein Mann trägt eine große olympische Fahne. Eine Musikkapelle in blauer Uniform mit roten Streifen und weißer Mütze empfängt uns. In feierlichem Zuge werden wir am Museum vorbei zum Hotel geleitet, Oleanderblüten sind auf den Weg gestreut.
Wir sind keine x-beliebige Reisegesellschaft, wir sind die Träger des olympischen Gedankens der Neuzeit, und ich fühle mich im Stillen als sein Herold. Ich gehöre hierher.48CuLDA, Tagebücher von Carl Diem, Eintrag vom 23.05.1934; Fotos vom Bahnhof Olympia: Koulouri – Georgiadis, 2011, 78–79 und 94.
Recherchen und Vorbereitungen für die Olympischen Sommerspiele von 1936
In den Folgejahren intensivierte Diem seine Reisen nach Griechenland sowie in andere Mittelmeerländer, insbesondere die Türkei und Italien. Neben seinen Treffen mit lokalen IOC-Vertretern nutzte er diese Reisen, um Ideen und Anregungen für die Olympiade von 1936 zu sammeln. Unterstützung erhielt er dabei von den dort ansässigen Archäologen, in der Regel Mitarbeitern des Deutschen Archäologischen Instituts.49Vgl. Zum Beispiel: CuLDA, Tagebücher von Carl Diem, Einträge vom 24.09.1933 (Konstantinopel / Istanbul), 17. bis 18.05.1934, 21. bis 24.10.1935 (Athen), 30.05.1934 (Rom), 29.06.1936 (Berlin). Diems enges Verhältnis zum DAI wird deutlich, als er am 21.08.1939 am Internationalen Archäologenkongress in Berlin teilnimmt und dort zahlreiche Bekannte trifft.
Bei seinen Recherchen ging Diem recht systematisch vor. Zum einen suchte er nach antiken Parallelen für den Fackellauf (Abb. 4).50Es handelt sich um ein antikes Marmorrelief im Palazzo Colonna, Rom; vgl. Greifenhagen, 1957, 60–61 Abb. 47. Zum anderen inspirierten ihn antike Objekte (z.B. Münzen und Vasenbilder), griechische, römische und auch zeitgenössische Architektur zu eigenen Ideen und Kreationen, die er an seine Mitarbeiter in Berlin weitergab.51Vgl. zum Beispiel: CuLDA, Tagebücher von Carl Diem, Einträge vom 13.11.1933, 08.05.1934, 11.05.1934, 15.05.1934, 19.05.1934, 27.05.1934, 30.05.1934, 02.06.1934. Häufig zeichnete er die Dinge, die ihn interessierten, und schrieb dazu „bei Schiff nachfragen“ oder „March in Kenntnis setzen“.52Rother, 2006, 94–95: Foto von Werner March und Carl Diem, die gemeinsam das Modell des neu konzipierten Schwimmstadions betrachten; Becker, 2019, 545 zur Anlage des Reichssportfeldes; vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Alfred_Schiff und https://de.wikipedia.org/wiki/Werner_March.
In Athen wurde Diem von den besten und einflussreichsten Archäologen und Denkmalpflegern beraten und durch die antiken Stätten geführt. Dazu gehörten Nikolaos Balanos,53Vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Nikolaos_Balanos. der für die Akropolis zuständig war, Georgios Oikonomos54Vgl. https://el.wikipedia.org/wiki/Γεώργιος_Οικονόμος; https://archives.dainst.org/index.php/oikonomos-georgios-1883-1951?sf_culture=de., Direktor der Abteilung für Archäologie im Bildungsministerium, Spyridon Marinatos, Ephoros (d.h. Leiter der archäologischen Dienststelle) von Kreta, und Christos Karouzos,55Vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Christos_Karusos. Ephoros der Kykladen. Vermittler war in den meisten Fällen Georg Karo, Erster Direktor des Deutschen Archäologischen Instituts (DAI). Ihn beschreibt Diem als „feinsinnigen Archäologen, der, dem Blut nach Volljude, in seinem ungewöhnlich edlen, bescheidenen, verinnerlichten Wesen jeden Nationalsozialisten entwaffnet.“56Vgl. Anm. 37; CuLDA, Tagebücher von Carl Diem, Eintrag vom 24.10.1935; Aufnahme „Der Reichssportführer auf der Akropolis“ [von einer Führung durch Karo und Balanos] in P. L., 1936.
Zu dem Journalisten Curt Rösner, der eng mit der Deutschen Botschaft in Athen zusammenarbeitete, hatte Diem einen intensiveren Kontakt, der auch nach dem Krieg nicht abbrach.57Für ergänzende Quellen aus dem Nachlass des deutschen Journalisten Curt Rösner (1888-1966), der seit 1908 in Athen lebte und arbeitete, bin ich seinem Enkel Jörg Denkinger zu Dank verpflichtet.
Zusammenarbeit mit dem Deutschen Archäologischen Institut
Wie bereits erwähnt, fiel dem Deutschen Archäologischen Institut eine Sonderrolle bei Diems Reisen und Recherchen zu. So richtete das DAI Athen im Herbst 1935 eine große Feier zu Ehren von Carl Diem und Hans von Tschammer und Osten aus.58Becker, 2019, 550. Über 150 Gäste waren geladen, darunter mehrere Minister. Diem hielt einen längeren Vortrag, der komplett in seinem Tagebuch überliefert ist. Für die griechische Übersetzung war der Zweite Direktor des DAI, Walther Wrede, zuständig. Im Folgenden sollen hier einige Auszüge aus Diems Vortrag wiedergegeben werden:
Mit welcher Dankbarkeit und mit welcher Ehrfurcht kommen wir heute aus dem Volk der Hyperboreer zu Ihnen, um Sie einzuladen, zur Feier der XI. Olympiade in der Kette der Spiele der Neuzeit, die im Jahr 1896 hier ihren Anfang fanden, nach Berlin zu kommen. Athen ist ein Knotenpunkt des Geistes, hier sind alle Strahlen der Vorzeit zusammengelaufen und von hier ging die Bildung des Abendlandes aus, ein Strom bis in unsere Tage.
Athen verknüpft spartanische und ionische Bildung, die heroische Staatstotalität mit der Welt des Rechts und der Welt der Philosophie, und wenn die Menschheit heute gewohnt ist, mit griechischen Gedanken zu denken und mit griechischen Augen zu sehen, dann verdanken wir es nicht zum letzten dieser Akropolis der Kultur der Welt.59CuLDA, Tagebücher von Carl Diem, Eintrag vom 21.10.1935; Aufnahme der Bibliothek des DAI Athen, die bei besonderen Ereignissen auch als Festsaal diente, aus der damaligen Zeit: DAI Athen, Archiv D-DAI-ATH-Archiv-InstGesch-00653_00042 und D-DAI-ATH-Archiv-Karousos-00266.
Kontakte zu griechischen Archäologen
Der offen zu Tage tretende Rassismus und die zunehmenden politischen Spannungen in Deutschland sollten keine Konsequenzen für die Vorbereitungen zur Olympiade 1936 haben. Boykottaufrufe aus den USA und mehreren europäischen Ländern wurden in Griechenland vollkommen ignoriert.60Zu den Boykottaufrufen: Keßler, 2011, 6-14; Hofland – Steen – Wilson, 1996.
Bezeichnend ist eine Episode von 1935, auf die Diem ebenfalls in seinem Tagebuch eingeht: Der hochangesehene Oberkonservator der Akropolis, Nikolaos Balanos, kam im Sommer 1935 nach Berlin, da sich dort seine Frau einer Augenoperation unterziehen musste. Aus Quellen im Auswärtigen Amt geht hervor, dass Balanos, wie einige andere Griechen auch, von SA-Schergen für einen Juden gehalten und deswegen brutal zusammengeschlagen wurde.
Berlin, 16. Juli 1935: „Herr Balanos erhielt mit einem Stuhl einen starken Schlag in den Rücken, der in Hinblick auf sein hohes Alter von unabsehbaren Folgen hätte sein können. Noch schlimmer hätte es für seine Frau sein können, die sich eben einer Augenoperation unterzogen hat.“61PA AA, RAV 13 Athen 45, Verbalnote der Griechischen Gesandtschaft an das Auswärtige Amt, Berlin am 16.07.1935.
Einige Monate später, im Oktober 1935, traf Balanos auf Carl Diem in Athen. Dieser war hocherfreut, dass Balanos den Vorfall in Berlin mit keiner Silbe erwähnte und stattdessen die ausgezeichneten Ärzte in Berlin lobte. Ob aus Takt oder Zustimmung für die neue deutsche Ordnung, lässt sich heute nicht mehr feststellen. Zu vielfältig und komplex waren die persönlichen und beruflichen Verflechtungen.
Athen, 22. Oktober 1935: „Unser Flugzeug mit 15 von uns geladenen griechischen Gästen, darunter der 80jährige Balanos mit seiner vor kurzem am Star in Berlin operierten Frau. Seither schwärmt er überschwänglich von deutschen Ärzten und hat nie ein Wort darüber verloren, dass er in die Kurfürstendamm Ereignisse kam und als Jude belästigt wurde.“62CuLDA, Tagebücher von Carl Diem, Eintrag vom 22.10.1935.
Diems Publikationen und Redemanuskripte
Diem saugte die Eindrücke und Informationen von seinen Reisen wie ein Schwamm auf und verarbeitete diese in zahlreichen Publikationen.63Becker, 2019, 87 zu Diems rasanter Karriere als Sportjournalist und Verbandsfunktionär; ebd. 894–903 detaillierte Liste mit Diems Publikationen. Dazu gehörten beispielsweise Artikel in der sog. Olympia Zeitung64Olympia Zeitung 1936: https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/olympia_zeitung1936/0194/image,info (Stand: Februar 2026). und im Völkischen Beobachter65Zu Diems Artikel „Zum Beginn der Ausgrabungen: Olympia wieder ganz im Licht der Sonne“ im Völkischen Beobachter vom 24.12.1936: Agnes Henning (Humboldt-Universität zu Berlin) danke ich für Hinweise sowie die Zusendung eines qualitätvollen Scans des Artikels. Für weitere Informationen vgl. auch DAI, AdZ Ordner 34-04, Martin Schede an Carl Diem am 21.12.1936; BArch, R43 II-1227, Reichs- und Preußisches Ministerium für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung am 14.01.1937. (beide von 1936).
Mit seinen Büchern hatte er großen Erfolg. Zentrale Themen waren der Sport in der griechischen Antike und im neuen deutschen Zeitalter.66Vgl. Anm. 59.
Sehr aufschlussreich ist eine Rede, die Diem im Juni 1936 für Hitler verfasste. Der Text umfasste vier maschinengeschriebene Seiten und wurde von dem Berliner Archäologen Gerhart Rodenwaldt anschließend korrekturgelesen.67Sünderhauf, 2008, 328; mein herzlicher Dank geht an Anja Hohmann, die mir ihre Hausarbeit Carl Diem und die Rede für Hitler (Sommersemester 2021) freundlicherweise zur Verfügung gestellt hat; vgl. auch Rodenwaldt – Hege, 1936 und Rodenwaldt, 1938. Für die finale Rede wurden allerdings nur wenige Passagen von Diems Text verwendet. Diese hielt Hitler am 1. August 1936 vor einem ausgewählten Kreis von Politikern und IOC-Mitgliedern im Berliner Reichskanzler-Palais.68Budzinski, Diem u.a., Bd. 1, 1937, 542–544: https://digital.la84.org/digital/collection/p17103coll8/id/16372 (Stand: Februar 2026). Die hier wiedergegebenen Auszüge vermitteln einen guten Eindruck von Diems politischer Einstellung und Gedankenwelt:
Ich sage es mit Stolz, dass wie ich den deutschen Nationalsozialisten vor Augen habe, so gestaltet sich vor meinem Auge das Bild eines typischen olympischen Siegers: vaterlandstreu, hingebungsvoll, ritterlich, zielbewusst und bei allem fröhlich. […]
Die Grundsätze, die in den Olympischen Spielen erneut vor die Weltöffentlichkeit treten, sind alten Ursprungs. Sie sind, wie die Spiele selbst, gepflegt worden von jenem herrlichen Volke der Griechen, dem wir die Grundlagen abendländischer Kultur, von Wissenschaft und Kunst verdanken. […]
Möge es uns beschieden sein, noch tiefer in die Geschichte der Vorzeit [Olympias] Einblick zu gewinnen und neue Schätze der hehren griechischen Kunst der Erde zu entreissen.69Historisches Archiv, Köln, Nachlass Diem, Korrespondenz mit Gerhart Rodenwaldt, Best. 1259, Carl Diem an Gerhart Rodenwaldt am 29.06.1936.
Diem fasst in diesem Text drei seiner zentralen Grundsätze zusammen:
1. der Nationalsozialismus hat einen neuen Typ des olympischen Sportlers kreiert,
2. der Bezug zum antiken Olympia ist von zentraler Bedeutung,
3. diese Tradition wird durch eine (deutsche) Wiederaufnahme der Grabung in Olympia fortgesetzt.70Zu den Ausgrabungen in Olympia nach 1936: Decker 1981; Laude – Bausch 2000, 113; Moutsis 2011, 123, 138-139; Lennartz 2013; Kankeleit 2018; Kankeleit 2019; Moustaka 2019; Nikolentzos 2019, 109-114; vgl. auch Diems „Olympiatagebuch“ im Bundesarchiv: BΑrch R 8077/282.
Kontakte zu Griechenland in Krisenzeiten
Diems Einsatz für die Ausgrabung in Olympia sollte ihn noch unzählige weitere Male nach Griechenland führen. Ohne Bruch konnte er seine Reisen vor, während und nach dem Krieg fortsetzen.71Die Tagebücher im CuLDA legen über Diems Reisen nach Griechenland beredtes Zeugnis ab. Bedauern äußerte Diem lediglich über den Ausbruch des griechisch-italienischen Krieges im Winter 1940, vgl. Becker 2019, 626; CuLDA, Tagebücher von Carl Diem, Tagebucheintrag vom 08.11.1940: „Mir aber ein Stich ins Herz.“ Auch die Kontakte, die er seit 1906 in Griechenland aufgebaut hatte, waren von großer Beständigkeit.
Dieses Thema führt uns in die Zeit nach 1936 und soll in einem anderen Zusammenhang ausführlicher besprochen werden. Beispielhaft soll hier nur eine kurze Passage aus Diems Tagebuch von 1944 wiedergeben werden:
Dann zum Geschäftsträger v. Graevenitz in das Haus, in dem ich mehrfach beim Prinzen Erbach war (Psychiko). Mitgeladen war der Gesandte Smend, den ich von Rom her kenne […]. Ferner Hauptmann Dr. Schücking, Inhaber des Verlages Biographisches Institut [sic]72Es handelt sich um den Verlag Bibliographisches Institut, der Meyers Konversations-Lexikon herausgab: https://de.wikipedia.org/wiki/Bibliographisches_Institut.. Herausgeber von Meyers Lexikon, große Freude als ich mich als Mitarbeiter von Buchstabe A-N vorstellte. Dann ein Major, Schüler von Schorndorf und Bekannter von Gaitanides, schließlich Fahrner, der wie immer geistreich war und mich auch zu einigen gut gelungenen Bosheiten anregte. […]
5 Uhr Tee im Deutschen Wissenschaftlichen Institut. Alle griechischen Sportführer kommen außerdem der Direktor des Nat. Museums Alex. Philadelpheus, der eigens gebeten hatte, mich zu sehen. […] Außerordentlich netter Abschied von Fahrner und seinen Herrn, die mich verpflichten noch einmal bei ihm zu sein. Er schenkt mir seine Bücher.73CuLDA, Tagebücher von Carl Diem, Eintrag vom 24.05.1944; Becker 2019, 669 zu Diems Besuchen in Athen während des Zweiten Weltkrieges.
En passant nennt Diem hier mehrere Persönlichkeiten der sog. deutschen geistigen Elite in Griechenland. Einige von ihnen spielten schon vor der Besatzungszeit eine zentrale Rolle im Athener Kulturleben, insbesondere Vertreter des Deutschen Archäologischen Instituts, der Deutschen Akademie und des Deutschen Wissenschaftlichen Instituts.74Hierzu ausführlich PA AA, RAV 13 Athen 63, Gesandtschaft Athen, Kulturpolitik: Schüler, Presse, Verschiedenes, Wissenschaft. Es ist davon auszugehen, dass der Ausnahmezustand während der Besatzungsjahre 1941 bis 1944 ihre eigentliche wissenschaftliche Arbeit beeinflusst, wenn nicht sogar beeinträchtigt hat. Allerdings konnte während des Krieges die Pflege von Netzwerken bruchlos fortgesetzt und sogar erweitert werden, wovon sicher auch Diem profitierte. Der deutsche Einfluss auf das Kulturleben Griechenlands nahm in einigen Bereichen deutlich zu, worauf an anderer Stelle ausführlich eingegangen werden soll.75Die vom Münchner Franz-Eher-Verlag herausgegebene Zeitung Deutsche Nachrichten in Griechenland (1941-1944) vermittelt ein anschauliches Bild von den Aktivitäten deutscher Kulturschaffender in Griechenland während der Besatzungszeit.
Fazit und Ausblick
Die hier präsentierten Dokumente geben einen Einblick in Diems Zugang zum antiken und modernen Griechenland. Seit 1906 unternahm er Reisen zu antiken Stätten und wichtigen Sehenswürdigkeiten im Mittelmeerraum, die ihm wichtige Impulse für die Gestaltung und Organisation der Olympischen Spiele in Berlin liefern sollten und für seine weiteren Aktivitäten prägend waren. Zu Diems zentralen Vorhaben gehörten die Umsetzung des Fackellaufs von Olympia nach Berlin sowie die Wiederaufnahme der archäologischen Ausgrabungen in Olympia. Beide Projekte machten eine enge Zusammenarbeit mit deutschen und griechischen Archäologen erforderlich. Diem baute deshalb seit 1934 ein dichtes Netzwerk in Griechenland auf, zu dem sowohl bedeutende und einflussreiche Altertumswissenschaftler als auch Sportfunktionäre und Politiker gehörten. Diese Kontakte hatten über den Krieg hinaus Bestand, was Thema einer tiefergehenden Untersuchung sein soll.76Weitere Informationen zum Projekt: https://www.cemog.fu-berlin.de/wissensbasis/projekte/deutsche-archaeologen-ns-zeit/index.html (Stand: Februar 2026).
In mehreren Publikationen ist bereits aufgezeigt worden, dass Diem ein Opportunist und Nutznießer der nationalsozialistischen Ideologie war. Auch war er ein Verdrängungskünstler, was die katastrophalen Folgen von Krieg und Holocaust anging. In Bezug auf Griechenland hielt sich sein Mitgefühl für die Opfer der Hungersnot offensichtlich in Grenzen.77CuLDA, Tagebücher von Carl Diem, Eintrag vom 28.03.1942: Gespräch mit dem Archäologen Ernst Langlotz „über das Grausige der Hunger-Lazarette“. Doch scheint er sich bis an sein Lebensende eine kindliche Begeisterung für das Land bewahrt zu haben. Gegenüber seinen griechischen Mitstreitern war der Umgang von einem kollegialen und freundlichen Ton geprägt, was ihm den Wiedereinstieg in den 1950er Jahren sicher erleichtert hat.





