Finanzkrise und deutsch-griechische Beziehungen: Wie sich nach 2010 das Image Deutschlands in der griechischen Presse verändert hat

Von Alexianna Tsotsou | Zuletzt bearbeitet 27.07.2021

Seit Beginn der Finanzkrise in Griechenland 2010 hat man in den griechischen Zeitungen viele Artikel lesen können, die Deutschland und seine Rolle bei der Bewältigung der griechischen Finanzkrise völlig negativ darstellten und Verbindungen zum Zweiten Weltkrieg zogen; dieser Auszug ist exemplarisch: „Da, wo Hitler gescheitert ist, Europa mit militärischen Mitteln zu erobern, wird es dem heutigen Deutschland durch Finanzdisziplin gelingen. Willkommen im Vierten Reich!“ (Ta Nea, 03.12.2011). In Anbetracht der Rolle Deutschlands in der Finanzkrise in Griechenland und der Haltung der griechischen Presse dazu, kommen diverse Fragen auf: Hat sich das Image Deutschlands in der griechischen Presse seit 2010 verändert? Wie hat sich die deutsche Haltung in der europäischen und griechischen Finanzkrise auf das Bild Deutschlands in den griechischen Zeitungen ausgewirkt und welche Negativmerkmale wurden dabei am stärksten bedient? Auf welche Weise haben deutsche Klischees aufgrund des unterschiedlichen sozialen und politischen Kontextes Auftrieb bekommen oder sich gewandelt?

Inhalt

Textsammlung und Methodik

Die Studie Das Image Deutschlands in der griechischen Presse (Tsotsou, 2019) basiert auf einer Textsammlung von 11.859 Artikeln aller Art aus den Werktags- und Wochenendausgaben der griechischen Zeitungen Kathimerini, To Vima und Ta Nea. Kriterium für die Auswahl der Artikel war der Wortteil deutsch* im Titel. Ausgewählt wurden Artikel, deren zentrales Thema Deutschland war, oder solche, die sich auf Deutschland bezogen, wobei der jeweilige Verfasser diesen Bezug für wichtig oder für die Leserschaft attraktiv hielt, da der Titel bei journalistischen Texten eine Doppelfunktion hat: Zum einen stellt er das Thema und die wichtigsten Punkte kurz vor und zum anderen weckt er das Interesse der Leserschaft.

Die Artikel wurden im Zeitraum 2001–2013 veröffentlicht. Der Schwerpunkt der Studie liegt auf der Untersuchung der Darstellung Deutschlands in den ersten vier Jahren der griechischen Finanzkrise (2010–2013); in dieser Zeit wurden 7.792 der untersuchten Artikel geschrieben, also 66 %. Der Rest der Texte wurde im ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts veröffentlicht. Die Texte wurden vergleichend beleuchtet, um festzustellen, inwieweit sich die Darstellung Deutschlands in der griechischen Presse nach Ausbruch der Finanzkrise und der deutschen Verwicklung darin verändert hat. Der methodische Ansatz basiert auf den analytischen Kategorien der Kritischen Diskursanalyse/Critical Discourse Analysis (Wodak/Meyer, 2001) und Korpuslinguistik/Corpus Linguistics (Stubbs, 1996).

So wurde die dialektische Beziehung zwischen dem Diskurs und dem gesellschaftspolitischen Kontext untersucht und die Ideologien, die durch spezifische Sprachstrategien gefördert werden, herausgearbeitet, um den Gegensatz zwischen den beiden Gruppen „Wir“ und „Die Anderen“ hervorzuheben. Gleichzeitig wurden die sich wiederholenden Sprachstrukturen untersucht, die die Wirkung des Diskurses auf die Leserschaft erhöhten; demnach wurden die Stereotypen über Deutschland als gegeben dargestellt und vom Gros der griechischen Gesellschaft als solche akzeptiert.

Die Hauptunterschiede vor und nach 2010

Die Darstellung Deutschlands in der griechischen Presse hat sich nach der Finanzkrise erheblich verändert. 2001–2009 war Deutschland eher ein Thema, das aus globalen Gründen interessant war, Artikel dieser Art waren in den entsprechenden Zeitungsressorts zu finden („Internationale Wirtschaft“, „Welt“, „Internationale Themen“). Ab 2010 gab es dann eine Veränderung der Kolumnen zu Griechenland, sie erschienen in den Rubriken „Wirtschaft“, „Griechenland“, „Politik“, „Griechische Wirtschaft“, wobei Deutschland als Faktor dargestellt wurde, der die griechische Politik beeinflusse. Das war nicht anders zu erwarten, denn in der Zeit vor der Krise waren die deutschlandbezogenen Themen, mit denen sich die griechische Presse befasste, entweder internationale Themen, wie beispielsweise die Weigerung des Landes, am Irakkrieg teilzunehmen, oder deutschlandinterne Themen, die für die europäische Wirtschaft allgemein von Interesse waren, wie beispielsweise die herrschende Arbeitslosigkeit oder die Agenda 2010. Nach Ausbruch der griechischen Finanzkrise wurde Deutschland die führende Rolle als Hauptstütze der Eurozone zugesprochen, und bei den Verhandlungen zur Finanzierung der griechischen Wirtschaft drehten sich dann die Artikel zu Deutschland um griechische Wirtschaft und Politik.

Vor der Finanzkrise setzte sich das Image Deutschlands aus einer Vielzahl von Themen jenseits der Politik zusammen, es ging um Literatur, Kultur, Wissenschaft und Fußball, wie die Schlagwörter der Artikel belegen. Sie handelten von deutschen Philosophen, Wissenschaftlern, Schriftstellern und Fußballmannschaften. Ab 2010 waren dann Politik und Wirtschaft die Hauptthemen; insbesondere Kommentare zu Deutschland hatten kein anderes Thema als die deutsche Rolle für die griechische Wirtschaft.

Diese Feststellungen wurden durch die Untersuchung der Wortzusammensetzungen (Komposita) dokumentiert, die den Unterschied zwischen den Zeiträumen 2001–2009 und 2010–2013 besonders verdeutlichen. Die Zusätze, die den Wortteil eines Kompositums begleiten, tragen zum Verständnis der Bedeutung des zusammengesetzten Wortes bei (Sinclair, 1991). Ziel der Untersuchung war, die Komposita des Wortteils deutsch* mittels der Bestandteile links und rechts des Wortteils zu präsentieren. Dadurch wurde sowohl auf die deutschen Entscheidungsträger hingewiesen, die aus Sicht der griechischen Zeitungen den deutschen Staat ausmachten, als auch die aggressiven Bezeichnungen hervorgehoben, mit denen diese Träger betitelt werden.

Die obige Abbildung zeigt die Komposita des Wortteils deutsch* in der Vorkrisenzeit. Zu erkennen ist, dass die zugeschriebenen Attribute positiv sind, was Geltung und Zuverlässigkeit angeht, während die namentlich erwähnten Entscheidungsträger in Verbindung zu Bereichen deutscher Vorherrschaft wie Wirtschaft, Fußball und Industrie gebracht wurden. Im Zeitraum 2010–2013 sah das anders aus:

Nach der Finanzkrise verschwanden die positiven Charakterisierungen, an ihre Stelle trat die negative deutsche Härte, aber auch Adjektive, die auf den Wohlstand der Deutschen hinwiesen, um den Kontrast zum armen Griechenland hervorzuheben. Außerdem waren die jetzt im Diskurs genannten Entscheidungsträger andere. Besondere Erwähnung fanden deutsche Magazine und Medien im Allgemeinen, die in einen Dialog mit den griechischen Medien traten; auch wurden die deutschen Steuerzahler und Touristen ins Spiel gebracht, die das ihre zur griechischen Wirtschaft beitrugen. Schließlich standen auch deutsche Ökonomen und das deutsche BIP im Fokus.

Von Interesse ist auch die unterschiedliche Interpretation eines deutschen Merkmals, das vor und während der griechischen Finanzkrise konstant geblieben war. In beiden Zeiträumen wurden Macht und Führungsrolle Deutschlands innerhalb der Europäischen Union unterschiedlich interpretiert. Vor 2010 wurde positiv darüber berichtet und Deutschland als Schlüsselakteur der europäischen Integration dargestellt, die aktiv gefördert wurde und den Weltfrieden voranbrachte; der Zweite Weltkrieg wurde als eine Vergangenheit beschrieben, die Deutschland überwunden hatte:

In der aktuellen Phase nach dem erfolgreichen Abschluss der Erweiterungsverhandlungen fühlen sich die Deutschen vor allem deshalb von der Last befreit, die der Krieg hinterlassen hatte, weil sie die Protagonisten des [Erweiterungs-]Projekts sind und die größten finanziellen Kosten tragen. Schließlich vergrößert sich Deutschlands Lebensraum, die mitteleuropäischen Länder suchen seine Nähe und es sind sicher nicht wenige, die glauben, dass das friedliche Deutschland das erreicht hat, was das kriegerische Deutschland nicht durchzusetzen vermochte. […] Ein kreatives Europa, das die Menschen zusammenführt und vereint, das in einer friedlichen Umgebung Bedingungen für Wohlstand und Entwicklung schafft, kann für die Krisenherde dieser Welt sogar Vorbildcharakter haben.1

In diesem Sinne wurde vor der Finanzkrise auch in die wirtschaftlichen und politischen Artikel der Bezug zur Geschichte eingeflochten; das klassische deutsche Stereotyp der Macht musste herhalten, um den Kontrast zwischen dem damaligen kriegerischen Deutschland und dem heutigen friedlichen Deutschland der europäischen Solidarität zu illustrieren. In den folgenden Kapiteln wird ausgeführt, wie dieses Stereotyp eines mächtigen Deutschlands und der interdisziplinäre Bezug zwischen wirtschaftlichen und politischen Entscheidungen einerseits und dem Nachhall des Zweiten Weltkrieg andererseits den Diskurs in der griechischen Presse auch nach 2010 dominierte, jedoch jetzt mit negativer Konnotation und grundlegend anderer Bedeutung.

Deutsches Europa

Ab 2010 wandelte sich das Image Deutschlands völlig und kann im Großen und Ganzen als negativ bezeichnet werden.   Aufgrund der Finanzkrise und der Rolle Deutschlands dabei verschob sich das Interesse der griechischen Presse. Deutschland war nicht mehr nur ein ausländischer Staat, sondern wurde zu einem internen Problem Griechenlands hochstilisiert; Hauptanliegen der griechischen Presse waren der Rettungsplan Griechenlands, die Verschuldung, das Defizit, das Insolvenzrisiko, die harten Sparmaßnahmen und die Verhandlungen zwischen Griechenland und Deutschland, wie aus den Schlagwörtern hervorgeht, die die Zeitungsartikel in dieser Phase dominierten.
Hier die Top 100 häufigsten Schlagwörter in Artikeln zu Deutschland nach 2010:

·       37 davon bezogen sich auf die Finanzkrise, die Sparmaßnahmen und den Rettungsplan der griechischen Wirtschaft (Schulden, [Finanz-]Krise, Sparkurs, Hilfe, Anleihe, EZB, Mechanismus, Abschlag, Troika, Rettung, IWF, Stützmaßnahmen, Bank, Haushalt, EFSF, Umstrukturierung, ESM, Darlehen, Paket, Ausstieg, Draghi, Fonds, Ratenzahlung, Wettbewerbsfähigkeit, Währung, Insolvenz, Überschuss, Gläubiger, Finanzierung, Verlängerung, monetär, Steuerzahler, Lagarde, Stabilität, Kreditgeber, Memorandum, Überziehungskredite).
·       Neun standen im Zusammenhang mit der Europäischen Union und der Eurozone (Eurozone, Euro, Europa, Eurogruppe, Eurobond, EU, Union, Partner, Gipfel); hier wird klar, wie stark der griechischen Presse zufolge Deutschland mit der europäischen Politik verbunden war, diese, so hieß es, werde eindeutig von der deutschen Führung beeinflusst.
·       Fünf Schlagwörter bezogen sich auf Länder, die in irgendeiner Weise mit Griechenland zu tun hatten und in die Gruppe „Wir“ eingeordnet wurden; sie befanden sich entweder auch in einer Finanzkrise (Süden, Spanien, Zypern) oder weckten die griechische Hoffnung, dass ein Gegenspieler, in diesem Fall Frankreich (François, Hollande), der deutschen Politik Ehrfurcht einflößen würde.
·       Drei weitere Schlagwörter hatten mit Griechenland zu tun (Griechenland, griechisch, Grieche/in), ein Zeichen dafür, dass Deutschland als internes Problem Griechenlands gehandelt wurde, weil es das Schicksal Griechenlands stark beeinflusste.
Während die deutsche Macht und die führende Rolle Deutschlands in der Europäischen Union vor der Finanzkrise positiv bewertet wurden, bekamen dieselben Merkmale danach eine negative Beurteilung als Hegemonismus, Ethnozentrismus und Diktat der eigenen Bedingungen interpretiert:

Deutschland ist dazu verdammt, wegen der Verarmung und der steigenden Verschuldung der schwächeren Länder den Kampf um die wirtschaftliche Unterwerfung Europas zu verlieren. Nicht weil es nicht stark genug ist, sondern weil es nicht erkennt, dass es jenseits seiner eigenen Wahrnehmung eine andere kollektive Auslegung dessen gibt, was Europa ausmacht und welchen Weg es beschreiten soll.2

Die Betrachtung der Positionierung Deutschlands seitens der griechischen Presse als innergriechische Angelegenheit zeigte sich insbesondere in der Übermittlung rein innerdeutscher Themen wie der Wahlen; sie wurden unter dem Aspekt der Ereignisse angegangen, die Griechenland entscheidend betroffen hatten, Deutschland galt also als zentraler Gestalter der griechischen Politik und Wirtschaft:

In der heute stattfindenden, einzigen Fernsehdebatte zwischen Bundeskanzlerin Angela Merkel und ihrem Kontrahenten, dem Sozialdemokraten Peter [sic] Steinbrück, wird das Hauptthema Griechenland sein! Schäuble war mit seiner Erklärung, Griechenland werde wohl ein drittes Hilfspaket benötigen, der Auslöser, dass sich der Wahlkampf in Deutschland auf das griechische Schuldenproblem konzentriere.3

Der stereotype Ausdruck deutsches Europa erschien in den großen griechischen Zeitungen sehr häufig und als Standardwiederholung insbesondere in den Kommentaren, die zur Festigung   der als natürlich und gegeben reproduzierten Anschauung bei der Leserschaft beitrug; auf diese Weise wurde sie effektiv vorangetrieben, erschien selbstverständlich und beeinflusste die Leserschaft   und somit auch ihr soziales Umfeld stark. In der Textsammlung ist dieser stereotype Ausdruck am häufigsten anzutreffen; er reproduzierte auf einfache, verständliche und anschauliche Weise die Ideologie der deutschen Vorherrschaft, die sich europaweit zu behaupten versuchte. Der deutsche Nationalismus und das ausschließliche Eigeninteresse machten den Inhalt dieser Phrase aus; durch weitere sprachliche Mittel wie den Vergleich des deutschen Staates mit dem Deutschen Reich und seine Betrachtung als Fortsetzung des Dritten Reichs („Willkommen im Vierten Reich“) wurde das Deutschland der Gegenwart mit dem nationalsozialistischen Deutschland der Vergangenheit in Verbindung gebracht, wie weiter unten erläutert wird.

Die deutsche Haltung gegenüber der griechischen Problematik und die Sparmaßnahmen in der griechischen Wirtschaft erhielten somit einen breiteren Kontext, da sie nicht ausschließlich Griechenland betrafen, sondern vermeintlich einen umfassenderen Plan Deutschlands zur Unterjochung ganz Europas offenbarten. Auf diese Weise wurde Deutschland der Gruppe „Die Anderen“ zugeordnet und stellte sich somit laut griechischer Presse nicht nur Griechenland, sondern ganz Europa entgegen. Diese allgemeine Phrase fiel jedoch bei jeder Zeitung unterschiedlich aus. Die Zeitung Kathimerini hatte im Allgemeinen ein mildes und neutrales Profil, sie präsentierte breit gefächerte Meinungen und Ansichten. Einerseits gab es Artikel, die die Haltung Deutschlands als ethnozentrisch bewerteten und die These des deutschen Europa bemühten: „Die Masken sind gefallen. Von nun an werden wir alle in einem ‚deutscheren‘ Europa leben, das von einer Wirtschaftspolitik des Typs ‚Export oder Tod‘ des asketischen Berlin bestimmt sein wird.“4 Gleichzeitig nahm die Zeitung aber auch eine pluralistische Haltung ein, um die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen den beiden Ländern so ruhig und unparteiisch wie möglich darzustellen. So gab es also auch Artikel, die auf die Unterstützung Deutschlands und die Schwierigkeiten des gesamten Unterfangens hinwiesen: „Die hegemoniale Tendenz sollte nicht mit der Tatsache verwechselt werden, dass Frau Merkel Bedingungen stellt, wenn sie Kredite vergibt.“5

Die Zeitung To Vima konzentrierte sich mehr auf das deutsche Herrschaftsbestreben: „Das Einzige, was Berlin interessiert, ist die volle Dominanz der Eurozone und ihre Umwandlung zum eigenen Lebensraum.“6 So wurde im Zeitraum 2010–2013 der Ausdruck deutsches Europa in den Zeitungskommentaren 56-mal verwendet, in der Zeitung Ta Nea 24-mal und in der Kathimerini 17-mal. In der Zeitung To Vima erschien 20-mal das Stereotyp deutsche Hegemonie, in den Kommentaren von Ta Nea und Kathimerini nur ein- bzw. dreimal.

Die Zeitung Ta Nea strich, abgesehen vom deutschen Hegemoniebestreben, noch ein weiteres negatives Merkmal der deutschen Wirtschaftspolitik heraus und behauptete, sie sei grundfalsch und ineffektiv, weil sie die Komplexität der Finanzkrise nicht berücksichtige und somit dafür sorge, dass die Krise in Griechenland bestehen bleibe:

Und warum genießt der ehemalige Haushaltssünder Deutschland heute das Vertrauen der Märkte? Offensichtlich, weil die übermäßige Kreditvergabe und die Überschuldung nicht die Ursachen, sondern die Symptome der Finanzkrise sind. […] Wenn diese Lesart der Krisenursachen richtig ist, dann ist es offensichtlich, dass – während die Handelsüberschüsse der Kernländer der Eurozone unverändert bleiben – der Druck auf die EU-Länder der Peripherie zur internen Abwertung und zum Sparkurs sowie die Einführung dauerhafter Sparmaßnahmen nicht zur Überwindung der Finanzkrise führen. Sie führen zum Zerfall der Eurozone.7

Der Zweite Weltkrieg und die Verschwörungstheorien

Ab 2010 wurde der Zweite Weltkrieg öfter als zuvor thematisiert und zeichnete damit ein negatives Bild Deutschlands. In diesem Themenfeld soll erneut auf die Verschiebung des Interesses der griechischen Presse hingewiesen werden, da dieses Thema hauptsächlich aufgrund der griechischen Ansprüche auf Kriegsentschädigungen im Vordergrund stand; damit sollte betont werden, dass nicht nur Griechenland Deutschland etwas schulde, sondern auch das Umkehrte gelte:

Es stellt sich die Frage, ob die deutschen Steuerzahler Kenntnis der Kriegsverbrechen haben, die ihre Väter und Großväter vor 69 Jahren in Griechenland begangen haben. Die Konsequenzen davon haben die Griechen damals teuer bezahlt, zahlen sie heute immer noch und werden sie auch weiterhin zahlen müssen. Kennen sie die finanziellen Schulden des heutigen Deutschland aus dem Ersten Weltkrieg? Wissen sie, dass, abgesehen vom Verlust so vieler Menschenleben, […] durch den Raub [Anm. d. Üb: von Ressourcen] und die deutsche Zwangsanleihe während der Besatzungszeit eine beispiellose Hyperinflation verursacht wurde, die die griechische Drachme vernichtete?“8

Der Zweite Weltkrieg trat jedoch nicht nur in den Hinweisen auf deutsche Reparationen zum Vorschein, sondern auch durch das Einflechten der jüngeren Geschichte in die politischen Artikel. Daher spielte der Krieg bei der Argumentation der Zeitungsartikel eine sehr bedeutende Rolle, allerdings eine ganz andere als vor der Finanzkrise. Deutschland wurde nicht mehr als ein Land dargestellt, das seine historische Schuld abgeschüttelt hatte, sondern als ein Land, das, wie in der Vergangenheit, andere Länder unterwerfen wolle: „Die Angst vor dem Vierten Reich, einem deutschen Imperium, das sich nicht dank seiner Panzerdivisionen durchsetzen wird, sondern durch Anleihezinsen, ist in Europa weit verbreitet.“9

Die Korrelation des wirtschaftlichen und historischen Diskurses erfolgte in verschiedenen intertextuellen Verbindungen, mittels derer die Zeitungsartikel auch auf andere Texte und soziale Vorgehensweisen verwiesen. In einem charakteristischen Auszug wird zwischen einer Pariser Ausstellung und der Schuld am Nationalsozialismus eine Verbindung hergestellt; nach Ansicht vieler deutscher Medien prangere diese Ausstellung die deutsche Haltung während der Finanzkrise gegenüber dem europäischen Süden an:

»De l’Allemagne 1800 bis 1939« ist der Titel einer Ausstellung, die derzeit im Louvre gezeigt wird. […] In Deutschland ist die der Ausstellung entgegengebrachte Polemik groß, sie wird durch das Prisma der Schuld betrachtet, der nationalen Schuld am Nationalsozialismus. Kolumnisten großer Zeitungen wie Die Zeit und die Frankfurter Allgemeine Zeitung haben sogar die Beherrschung verloren und führen die Ausstellung […] auf die konfrontative Stimmung zwischen Süden und Norden zurück.10

In einem anderen Artikel wurde auf ein weiteres Merkmal der Deutschen hingewiesen, das sich aus ihrem Verhalten im Zweiten Weltkrieg ergebe, aber auch Auswirkungen auf die heutigen Umstände habe: ihre Angst vor den Schwachen und ihr Wunsch, diese zu vernichten:

Erwähnenswert ist der Roman »Kaputt« des italienischen Autors Curzio Malaparte (1898–1957), dort steht, dass ihm nirgendwo sonst in Europa der Deutsche so nackt erschienen sei, so unbedeckt, wie in Polen. Der Deutsche habe keinerlei Angst vor einem starken, bewaffneten Mann, der ihm mutig entgegentrete und Widerstand leiste. Der Deutsche fürchte die Unbewaffneten, die Schwachen, die Kranken. Der Deutsche habe Angst – und würde sich deshalb an der Idee aufgeilen, den jeweils Schwächeren zu vernichten.

Dieser Hinweis des Kolumnisten auf den Roman Kaputt und die spezifische deutsche Eigenschaft implizieren, dass sich diese Tendenz in der Neuzeit fortsetze und sich in Deutschlands Wunsch widerspiegele, ein schwaches Land wie Griechenland zu zerstören.

Bedrohliche deutsche Eigenschaften kommen nicht nur durch die oben genannten expliziten Stellen zum Ausdruck, sondern auch durch den indirekten Verweis auf einen griechischen Film von 1948, Die Deutschen kommen zurück (griech.: Οι Γερμανοί ξανάρχονται), der sich mit der deutschen Besatzung Griechenlands im Zweiten Weltkrieg befasst: „Egal, ob Frau Merkel die Wahlen gewinnt oder verliert, die Deutschen werden sich nie ändern und wiederkommen!“11 Die Wiederholung dieser Phrase zielt darauf ab, die deutsche Politik während der Finanzkrise mit dem bedrohlichen und destruktiven Verhalten der deutschen Besatzungstruppen in Griechenland zu verbinden. Sie wird tatsächlich 33-mal stereotyp wiederholt und wird so zum Slogan der Art und Weise, wie die griechische Presse den Umgang Deutschlands mit der griechischen Finanzkrise anschaulich darstellt. Das Stereotyp Viertes Reich wiederholt sich in der untersuchten Textsammlung 24-mal; damit wird das heutige Deutschland mit dem Dritten Reich und dem Naziregime in direkte Verbindung gebracht, was klar und deutlich das deutschen Herrschaftsstreben untermauert. Tatsächlich bildet diese Phrase die sprachliche Übertragung der Metapher DER STAAT IST EIN REICH. Wie im nächsten Kapitel erörtert wird, zielt die Metapher darauf ab, das vielschichtige Finanzkrisenmanagement und die komplexen Entscheidungen der Staats- und Regierungschefs in Europa zu vereinfachen: Deutschland wird nachvollziehbar mit einem Imperium gleichgesetzt, in dem ein Staat das übrige Reich beherrscht. In diesem Licht wurde ein negatives Bild Deutschlands gezeichnet, es wurden sogar Meinungen und Ansichten geäußert, die sich an den Grenzen von Verschwörungstheorien bewegten; Deutschland wurde als Ausbeuter und Usurpator der nationalen Souveränität Griechenlands und anderer europäischer Länder hingestellt, der das griechische Volk verarmen und versklaven wolle:

Genau das, was Herr Schäuble gestern gesagt hat: Es geht um die Übertragung der Souveränität mit allem, was dazu gehört. Schäubles gestrige Aussagen gegenüber der Zeitschrift Der Stern lüften den Deckmantel und lassen keinen Platz mehr für Selbsttäuschungen zu: Das Einzige, was Berlin interessiert, ist die Vorherrschaft in der Eurozone und ihre Umwandlung zum eigenen Lebensraum. […] Immer mehr Leute erkennen jetzt, dass Deutschland diese Finanzkrise zu seinem eigenen Vorteil genutzt, ausgebeutet, wenn nicht sogar aufrechterhalten hat. Und auch, dass das Ganze etwas weiter gefasst werden muss, da nunmehr nicht nur Griechenland oder sogar nur die Länder gefährdet sind, die dem [Stabilitäts-]Mechanismus angehören. Es betrifft nunmehr ganz Europa.12

Die obige Passage eröffnet durch den Begriff Lebensraum einen intertextuellen Bezug zum Zweiten Weltkrieg; der Begriff stammt aus dem nationalsozialistischen Vokabular und fasst auf anschauliche Weise alle Elemente zusammen, die eine Verschwörung ausmachen. Dem Kolumnisten zufolge bedeuten die erwirkten Sparmaßnahmen nichts anderes als die Übertragung der Souveränität, sie seien der [Stabilitäts-]Mechanismus, durch den die deutsche Verschwörung umgesetzt werde, um das angestrebte Ziel zu erreichen, nämlich die Vormachtstellung innerhalb Europas. Die Opfer dieser Verschwörung seien nicht nur Griechenland, sondern alle Länder, die in einer Finanzkrise steckten und so in den [Stabilitäts-]Mechanismus geraten seien. Solche Verschwörungstheorien finden sich auch in anderen Passagen, beispielsweise in unserer Einleitung („Da, wo Hitler gescheitert ist, Europa mit militärischen Mitteln zu erobern, wird es dem heutigen Deutschland durch Finanzdisziplin gelingen. Willkommen im Vierten Reich!»), wo ein direkter und expliziter Zusammenhang zum Zweiten Weltkrieg hergestellt wird. Es wurde sogar die These aufgestellt, dass die Niederlage Deutschlands im Zweiten Weltkrieg die Ursache für die deutsche Verschwörung zur Eroberung Europas sei. In einem ähnlichen Bezug zur Rolle des Zweiten Weltkriegs in der heutigen deutschen Politik bewegten sich auch die untersuchten Zeitungsartikel in der Arbeit von Bickes u.a. (2012), die von Januar bis Juni 2010 das Image Deutschlands in sechs griechischen Zeitungen (Kathimerini, To Vima, I Avgi, Rizospastis, Eleftheros Typos und Eleftherotypia) untersucht hat. Beschrieben werden darin die dialektische Beziehung zwischen Deutschlands Vergangenheit und Gegenwart – unter dem Gesichtspunkt des Stereotyps, dass die Deutschen heute noch Nazis seien und mit Zuschreibungen wie innere Kälte, Machtgier und beharrliche Besessenheit mit dem Geiste Hitlers in Verbindung stehen würden. So wurde in den ersten Monaten der Finanzkrise gemäß der Analyse von Bickes u.a. Hitler zu einem Kollektivsymbol und einer Schlüsselfigur im Diskurs der griechischen Zeitungsartikel über Deutschland, eine Figur, die aus der Vergangenheit stamme und die Gegenwart beeinflusse.

Die Vereinfachung der deutschen Politik durch Metaphern

Eine Metapher zielt als sprachliches Mittel darauf ab, Personen mit Themen und Merkmalen zu verbinden – einfach, klar und ohne jede Komplexität, von der aus sie normalerweise durchdrungen sind. Auf diese Weise wird die Verbindung heterogener Elemente erreicht und kann als reproduzierte Ideologie als allseits akzeptabel präsentiert werden. Nach der Theorie der Kognitiven Linguistik (Lakoff/Johnson, 1980) ist die Metapher kein rein sprachliches Phänomen, sondern eine mentale Repräsentation, die auf sprachlicher Ebene ausgedrückt wird. In diesem Sinne werden metaphorische Ausdrücke nicht einzeln analysiert, sie sind sprachliche Umsetzungen mentaler Metaphern. Die Verbindung zweier völlig unterschiedlicher Bereiche macht diese mentalen Darstellungen aus. Einerseits gibt es das Bekannte und Einfache (Quellsektor) und andererseits das Unbekannte und Komplexe (Zielsektor), das durch die Bezugnahme zu ersterem zugänglicher wird.

Die Zielsektoren, die durch die Metaphern weniger komplex erschienen, waren der deutsche Staat und die deutsche Politik. Diese beiden Grundaspekte der Darstellung Deutschlands im Diskurs der griechischen Zeitungen waren mit allgemeinen und allseits bekannten Begriffen (Quellsektoren) wie Industrie, Reich und Familie verbunden, um für die Leserschaft verständlich gemacht zu werden; damit wurde die gewünschte Ideologie überzeugend vorangetrieben. Es ist in der Tat bemerkenswert festzustellen, dass dieselben Begriffe im Zeitraum 2010–2013 negativ interpretiert wurden, die vor der Finanzkrise positiv belegt waren. Eine Metapher aus dem Bereich der Industrie, die sowohl vor als auch nach 2010 vorkam und uns daher über den Wandel der Haltung der griechischen Zeitungen gegenüber Deutschland vor und nach der Finanzkrise aufklären kann, ist DER STAAT IST EINE MASCHINE. Dabei wurde Deutschland als Motor dargestellt („Deutschland war […] immer schon der Motor der europäischen Integration“13).   Diese Metapher ist   durch das Kompositum Dampfmaschine äußerst ergiebig, sie erscheint in der Textsammlung ganze 204-mal; die fünf häufigsten Kollokationen sind:

Die Wörter rechts und links der Dampfmaschine erklären die Funktion der Metapher, durch die Deutschland mit der Europäischen Union und der europäischen Wirtschaft verbunden wird, während sich die Kollokationen genannt und sogenannt auf die metaphorische Bedeutung des Wortes beziehen. Die Verbindung dieser beiden Begriffe unterstreicht die Macht Deutschlands in Europa; dieses Themenfeld existierte, wie oben bereits erwähnt, sowohl vor als auch nach dem Ausbruch der Finanzkrise. Interessant ist es jedoch festzustellen, wie sich dieser Bezug nach Ausbruch der Finanzkrise in Griechenland wandelte. Während vor 2010 die deutsche Macht von der griechischen Presse positiv bewertet wurde („Objektive Bedingungen und Entwicklungen zwingen die deutsche Führung buchstäblich dazu, eine führende, aber gleichzeitig emanzipatorisch progressive Rolle nicht nur in Europa, sondern auch global einzunehmen.“14), fiel ihre Einschätzung nach 2010 negativ aus: „Die Ratio Essendi der neuen Reform ist durch und durch streng deutsch. Und macht das europäische wirtschaftspolitische Modell zum konservativsten der Welt.“15

Im Zeitraum 2001–2009 wurde nur die oben erwähnte Metapher bedient; im Zeitraum 2010–2013 führte aber das Festhalten der griechischen Zeitungen an der negativen Darstellung Deutschlands bei den Metaphern zu einer gesteigerten Kreativität. Von der Industrie entlehnt wurde auch die Metapher DER STAAT IST DAS WERKZEUG verwendet, wobei Deutschland als Schraubstock dargestellt wurde („Der deutsche Schraubstock, der ist mächtig“16). Dieser metaphorische Ausdruck betont nicht nur die Kraft und Macht, sondern auch den Druck, den Deutschland ausübte, um Griechenland zu einer spezifischen Wirtschaftspolitik bei der Bewältigung der Finanzkrise zu zwingen. Bemerkenswert ist, dass die Metaphern, die die deutsche Macht betonen und von uns analysiert wurden, mit dem Industriesektor zu tun haben, der zu den deutschen Errungenschaften gehört. So wird ein positives Themenfeld verwendet, um Deutschland negative Merkmale wie hegemoniale Tendenzen und Diktat von Bedingungen zuzuschreiben. Was zunächst paradox erscheint, ist so zu interpretieren: Ziel dieser Metaphern seit dem Beginn der Finanzkrise in Griechenland ist die negative Darstellung des deutschen Einsatzes. So werden sogar Sektoren wie die Industrie herangezogen, die zuvor positiv bewertet wurden. Hier zeigt sich noch deutlicher der Versuch des Kolumnisten, Deutschland zu kritisieren und es in die Gruppe der „Anderen“ einzureihen, die der Gruppe „Wir“ gegenübersteht.

Eine weitere ab 2010 häufig benutzte Metapher war auch DER STAAT IST EIN REICH („Willkommen im Vierten Reich“). Diese Metapher brachte Deutschland in direkte Verbindung zur Nazizeit und deren besonderen Merkmalen, nämlich Nationalismus und Hegemonialstreben, wie im vorhergegangenen Kapitel erörtert. Dies vereinfachte die Betrachtung der Art und Weise, wie Entscheidungen auf Führungsebene getroffen wurden, und baute effektiv die Gruppe der „Anderen“ auf, zu der Deutschland gehörte und die Griechenland durch die Sparmaßnahmen unterdrückte. Interessant sind auch andere Metaphern, die die deutsche Wirtschaftspolitik und die Sparmaßnahmen vereinfachten, nämlich DIE POLITIK HAT AUGEN („Deutschland reagiert wie ein kurzsichtiger Souverän“17) und POLITIK IST EIN REZEPT („Das kriminelle deutsche ‚Sparplanrezept‘“18). Die erste Metapher soll die Ineffizienz und kurzsichtige Logik der deutschen Wirtschaftspolitik hervorheben, und aus diesem Grund verweist der Redakteur auf ein Merkmal, nämlich Kurzsichtigkeit, die natürlich und allzu menschlich ist. Die Metapher fungiert somit als Personifizierung, die der Politik einen persönlichen Anstrich gibt und allen deutschen Entscheidungsträgern den Begriff Souverän zuordnet, um sie kollektiv negativ darzustellen.

Die zweite Metapher ist sehr verbreitet, im Zeitraum 2010–2013 taucht sie in der Textsammlung 153-mal auf. Die Kollokationen rechts und links des Wortes Rezept sind:

Diese Kollokationen zeigen, wie eng die griechische Presse die Wirtschaftspolitik und die Sparmaßnahmen in Griechenland mit Deutschland und dem negativen Merkmal der Ineffizienz durch einen einfachen und äußerst allgemeinen Begriff wie Rezept verknüpfte.

Die Verbindung zu Deutschland wird durch das Adjektiv deutsch und die Metonymie Berlin deutlich, während das Merkmal der Ineffizienz durch die Kollokationen falsch(geleitet), [Anm. d. Üb: zum Scheitern] verurteilt und scheitern ausgedrückt wird. Die Verknüpfung des metaphorischen Begriffs Rezept mit der Politik der Sparmaßnahmen erfolgt durch die Kollokationen Sparkurs und wirtschaftlich. Der Begriff Rezept zielt auf die Verallgemeinerung und Vereinfachung der deutschen Wirtschaftspolitik ab, die als etwas Verständliches und Einheitliches dargestellt wird. Auf diese Weise werden die negativen Merkmale einiger politischer Maßnahmen der gesamten politischen Struktur zugeschrieben, die sich normalerweise aus vielen Entscheidungen und vielen, oft widersprüchlichen Ansichten mit unterschiedlichen Parametern und unter unterschiedlichen Bedingungen zusammensetzt. So wird das überzeugende Narrativ der negativen deutschen Politik konstruiert, das in der Folge auf das ganze Land übertragen wird.

Die Metapher, die Politik mit dem Rezept und der Kochkunst verbindet, gehört zu einem weiteren Bereich, dem der Familie. Die Metapher DER STAAT / DIE POLITIK IST EIN HAUSHALT / EINE FAMILIE hat verschiedene Aspekte, wie die oben genannten, aber auch andere, wie zum Beispiel, dass der Familienvorstand eine Mutter („Frau. Merkel […] agiert wie eine strenge Mutter“19) oder eine Hausfrau ist („Frau Merkel als typisch deutsche Hausfrau“20). Mit diesem einfachen Bezug, der sicherlich von der Prämisse ausgeht, dass die Bundeskanzlerin eine Frau ist, wird das komplexe Handlungsfeld eines Staatsoberhaupts vereinfacht und mit etwas Bekanntem und Verständlichem verglichen. Negative Merkmale wie strenge Disziplin, Machtausübung und Vehemenz wurden somit ganz Deutschland zugeschrieben – und sie wirkten sehr überzeugend. Gleichzeitig wurde die Bundeskanzlerin auch aus anderer Perspektive negativ dargestellt. Wenn die Regierungschefin des mächtigsten Landes Europas etwas so Komplexes wie die Finanzkrise mit einer solchen Naivität und Schlichtheit angeht, sollte dieses Verhalten natürlich Gegenstand der Kritik sein. Die Strategie des Kolumnisten drehte sich im Kreis; zunächst wurde die Verbindung zwischen Politik und Simplizität des Haushalts hergestellt und danach das deutsche Management für diese naive Herangehensweise indirekt missbilligt.

Schließlich wurde in der Zeitung Ta Nea eine charakteristische Metapher bedient, POLITIK IST SPORT („Die Kanzlerin ist eine parteiische Schiedsrichterin: Sie will keine Länder wie Deutschland im Miniformat, sondern neue Länder wie Bulgarien“21). Politik wurde somit als sportlicher Wettbewerb dargestellt, bei dem Deutschland der Gegner war. Die Merkmale Nationalismus, Ausbeutung und Strenge hob man besonders hervor; Deutschland wurde der Parteilichkeit beschuldigt, es sei voreingenommen und handle offensichtlich nur im eigenen Interesse – nehme nicht die überparteiliche Haltung ein, die einem Schiedsrichter angemessen sei. Es handelt sich um eine weitere Metapher, bei der das Paradox auftaucht, dass ein eigentlich positiv besetztes Themenfeld wie der Fußball, in dem Deutschland glänzt, mit einer negativen Konnotation belegt wurde.

Zusammenfassend wurde im Diskurs der griechischen Zeitungen bei den Metaphern zu Deutschland nicht nur, wie bei allen Metaphern,   auf die Vitalität und Darstellungskraft der Sprachegesetzt, sondern auch auf die Vereinfachung und Verallgemeinerung solch komplexer Themen wie Politik, Wirtschaft und staatliche Organisation. Auf diese Weise ließen sich spezifische, ab 2010 meist negativ belegte Eigenschaften leicht auf deutsche Entscheidungsträger übertragen, die vom griechischen Leser verstanden und verallgemeinert wurden, ohne Platz für Abweichungen und Ausnahmen zuzulassen.

Helmut Schmidt und die europäische Integration

Trotz allem hier Angeführten war das negative Bild Deutschlands nicht einheitlich und es gab eine Kontroverse in Bezug auf die Zuordnung Deutschlands zu den Gegnern Griechenlands. Obwohl Deutschland nach dem Ausbruch der griechischen Finanzkrise allgemein nicht der Gruppe „Wir“, sondern derjenigen der „Anderen“ zugeordnet wurde, galt das nicht für alle deutschen Entscheidungsträger. Alle drei griechischen Zeitungen berichteten oft und positiv über den Altbundeskanzler Helmut Schmidt, der die europäische Vision zum Ausdruck brachte und der deutschen Regierung widersprach:

Es gibt zwei Deutschlands und zwei Rezepte zur Rettung Griechenlands. Das erste ist uns allen bekannt. Es wird von Angela Merkel und ihrem Gefolge in der Regierungskoalition und im Bankwesen getragen. […] Zum Glück gibt es aber auch das andere Deutschland, das von den Gleichgesinnten Helmut Schmidts zum Ausdruck gebracht wird, die fest an die europäische Idee glauben.22

Diese Tendenz, Schmidt als Verbündeten zu bezeichnen, der auf Griechenlands Seite stehe und ein Befürworter der europäischen Idee sei, war ein sehr positiver Schachzug; Schmidts Ansichten füllten jede Menge Artikel, um die Meinung des jeweiligen Kolumnisten zur negativen Rolle Deutschlands zu untermauern. Der Wandel war spektakulär: Im Zeitraum 2001–2009, also vor der Finanzkrise, erschien der Name des Altbundeskanzlers 32-mal, im Zeitraum 2010–2013 dann 116-mal. Bemerkenswert ist auch, dass Schmidts Aussagen als direkte Rede in Anführungszeichen gesetzt wurden:

Der nunmehr 91-jährige Altbundeskanzler Helmut Schmidt hat aus seiner Besorgnis über diese Entwicklung kein Geheimnis gemacht. Er sagte, dass »die deutsche politische Führung nicht erkennt, dass Deutschland sein Schicksal an eine größere Entität, die EU, binden muss.23

Dagegen wurden die Aussagen von Merkel, Schäuble und anderen Politikern der regierenden CDU-Partei in indirekter Rede widergegeben: „Frau Angela Merkel hat jüngst darauf hingewiesen, dass die Länder des europäischen Südens ihre Ferien reduzieren müssten, um produktiver zu werden. “24 Die Wahl der direkten oder der indirekten Rede hatte mit der Absicht der Kolumnisten zu tun, die vorteilhafte Aussage unverändert zu präsentieren, um selbst völlig glaubwürdig zu erscheinen und um den eigenen Standpunkt zu bestärken, während der gegnerische Standpunkt in indirekter Rede gehalten wurde. Diese Tendenz, die direkte Rede im Allgemeinen für die Aussagen deutscher Politiker zu verwenden, die der Gruppe „Wir“ zugeordnet wurden, und die indirekte Rede für die Aussagen deutscher Politiker der Gruppe der „Anderen“, ist mit wenigen Ausnahmen bei allen Kommentaren der Textsammlung zu beobachten.

Schlussfolgerungen

Zusammenfassend kann man sagen, dass die Finanzkrise entscheidend für das Image Deutschlands in der griechischen Presse war. Am bemerkenswertesten an diesem Wandel ist der Interpretationsprozess in beiden Zeiträumen, wobei dieselben Stereotypen wie deutsche Macht und Disziplin verwendet wurden; in jeder der beiden Perioden wurde ihnen aber ein völlig anderer Wert zugesprochen: vor der Finanzkrise ein positiver und nach der Krise ein negativer. Die Bedeutung dieser Wende für die deutsch-griechischen Beziehungen ist enorm, wenn man die Macht der Medien bei der Reproduktion von Ideologien bedenkt und ihre Auswirkungen auf das Wissen, die Gefühle und das Verhalten des in der Gesellschaft handelnden Individuums betrachtet (indikativ vgl. Schweiger, 2013). Die Auswirkungen des negativen Bildes Deutschlands in den griechischen Zeitungen während der Finanzkrise zeigten sich im Entstehen einer antideutschen Haltung bei einem großen Teil der griechischen Bevölkerung und in der Verschlechterung der Kommunikation und Zusammenarbeit zwischen den beiden Ländern. In diesem Sinne wurde die dialektische Beziehung zwischen dem Diskurs und den sozialen und politischen Bedingungen, die ihn begleiteten, festgestellt. Das negative Bild Deutschlands in der griechischen Presse ab 2010 führte zu einer negativen Einstellung, während gleichzeitig dasselbe antideutsche Klima eindeutig eine Rolle bei der Wahl der Berichterstattung über Deutschland spielte. Dieser Teufelskreis machte nur einen Teil des Gesamtmanagements der Finanzkrise in Griechenland aus. Die Störung der deutsch-griechischen Beziehungen – zumindest auf der Ebene des Dialogs zwischen den Medien beider Länder, die aber eindeutig auch auf politischer Ebene stattgefunden hat – spiegelt die breiteren Prozesse wider, die in der griechischen Gesellschaft, Politik und Wirtschaft zur Neudefinition der eigenen Positionierung im europäischen Werdegang des Jahrzehnts 2010–2020 stattfanden.

Zusammenfassung

Die Darstellung des Makroprozesses der Darstellung Deutschlands in der griechischen Presse nach 2010 und des Beginns der Finanzkrise in Griechenland konzentrierte sich – mit den Werkzeugen der Kritischen Diskursanalyse und der Korpuslinguistik– auf das, im Vergleich zu den ersten Jahren des 21. Jahrhunderts, abweichende Image Deutschlands in den griechischen Zeitungen, ein Ergebnis der von Deutschland eingenommenen Rolle bei der Bewältigung der griechischen Finanzkrise. Griechische Zeitungen revidierten ihre Darstellung Deutschlands, der Hauptstütze der Europäischen Union; das positive Image eines Landes, das die europäische Integration förderte, wandelte sich zu einem negativen Bild und zu einer Deutung als Land, das Europa unterwerfen wolle und dessen Motive den politischen Entscheidungen des Zweiten Weltkriegs entsprachen. Dieses Bild wurde durch spezifische Sprachstrategien erzeugt, deren Ziel es war, bestimmte Ideologien zu reproduzieren und damit Einfluss auf die Leserschaft zu nehmen. So entstand eine dialektische Beziehung zwischen dem Diskurs und seinem sozialen und politischen Kontext, so dass dieses Image Deutschlands einen entscheidenden Einfluss auf die Beziehungen und das herrschende Klima zwischen den beiden Ländern und ihren Bürgern hatte.

Übersetzung aus dem Griechischen: Athanassios Tsingas

Einzelnachweise

  1. Καθημερινή, 15.12.2002.
  2. Το Βήμα, 21.11.2010.
  3. Το Βήμα, 01.09.2013.
  4. Καθημερινή, 28.03.2010.
  5. Καθημερινή, 28.11.2010.
  6. Το Βήμα, 31.07.2011.
  7. Τα Νέα, 10.12.2011.
  8. Τα Νέα, 15.01.2011.
  9. Τα Νέα, 03.12.2011.
  10. Το Βήμα, 12.05.2013.
  11. Το Βήμα, 25.08.2013.
  12. Το Βήμα, 31.07.2011.
  13. Τα Νέα, 10.04.2010.
  14. Το Βήμα, 11.05.2003.
  15. Το Βήμα, 05.02.2012.
  16. Το Βήμα, 05.12.2010.
  17. Καθημερινή, 13.02.2011.
  18. Το Βήμα, 14.04.2013.
  19. Καθημερινή, 17.06.2012.
  20. Το Βήμα, 27.11.2011.
  21. Τα Νέα, 05.02.2011.
  22. Τα Νέα, 11.02.2012.
  23. Καθημερινή, 09.05.2010.
  24. Καθημερινή, 29.05.2011.

Verwendete Literatur

Die Dynamik der Konstruktion von Differenz und Feindseligkeit am Beispiel Griechenland: Hört beim Geld die Freundschaft auf? Kritisch-diskursanalytische Untersuchungen der Berichterstattung ausgewählter deutscher und griechischer Medien.
Hans Blickes (Autor*in), Eleni Butulussi (Autor*in), Tina Otten (Autor*in), Janina Schendel (Autor*in), Amalia Sdroulia (Autor*in), Alexander Steinhof (Autor*in)
2012
Corpus, Concordance, Collocation
John Sinclair (Autor*in)
1991
Das Image Deutschlands in der griechischen Presse im Zeitraum 2001-2013: eine diskurslinguistische korpusorientierte Analyse
Alexianna Tsotsou (Autor*in)
2019
Grundlagen: Was sind Medienwirkungen? Überblick und Systematik
Wolfgang Schweiger (Autor*in, Herausgeber*in), Andreas Fahr (Herausgeber*in)
2013
Metaphors we live by
George Lakoff (Autor*in), Mark Johnson (Autor*in)
1980
Methods of Critical Discourse Analysis
Ruth Wodak (Autor*in), Michael Meyer (Autor*in)
2001
Text and Corpus Analysis
Michael Stubbs (Autor*in)
1996

Zitierweise

Alexianna Tsotsou, »Finanzkrise und deutsch-griechische Beziehungen: Wie sich nach 2010 das Image Deutschlands in der griechischen Presse verändert hat«, in: Alexandros-Andreas Kyrtsis und Miltos Pechlivanos (Hg.), Compendium der deutsch-griechischen Verflechtungen, 27.07.2021, URI: https://comdeg.eu/compendium/essay/104778/.

Metadaten

Essaytyp Metanarrativ
Lizenz CC BY-NC-ND 4.0
Sprache Deutsch, übersetzt aus dem Griechischen von Athanassios Tsingas

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